Es sind doch nur Tiere

Armin Rohm interessiert sich für die Entstehung und Veränderung kollektiver gesellschaftlicher Überzeugungen. Mit seinen Beiträgen möchte er zum ‚Selbstdenken‘ ermutigen.

Kalb

Befragt man zufällig ausgewählte Menschen nach ihrem Verhältnis zu Tieren, erklären die meisten, dass sie Tiere mögen oder gar lieben. Einigen sind sie egal und nur wenige sagen, dass sie Tiere hassen. Fast alle sind der Ansicht, dass eine zivilisierte Gesellschaft die Verantwortung und moralische Pflicht hat, dafür zu sorgen, dass es den Tieren möglichst gut geht. Tierquälerei gilt als widerwärtige, völlig inakzeptable Gewalttat. Gleichzeitig konsumieren fast 99 Prozent der Bevölkerung regelmäßig Produkte, für deren Erzeugung millionenfach unschuldige, wehrlose Tiere eingesperrt, gequält und getötet werden.

 

Erstaunlicherweise sehen die Konsumenten tierlicher Produkte keinerlei Widerspruch zwischen ihrer erklärten Ablehnung von Tierquälerei einerseits und ihren Ernährungsgewohnheiten andererseits. Spricht man sie auf ihren Fleisch-, Eier-, Käse- oder Milchkonsum an und beschreibt die grausamen Handlungen und ‚Kollateralschäden‘, die für die ‚Produktion‘ dieser ‚Lebensmittel‘ erforderlich sind, reagieren sie entweder ehrlich erstaunt und verstehen das Problem gar nicht („Das Eine hat doch mit dem Anderen nichts zu tun!“) oder sie entgegnen äußerst gereizt: „Willst du ernsthaft behaupten, dass ich ein Tierquäler bin, nur weil ich Fleisch esse (bzw. Milch trinke)? Du spinnst wohl!“ Sagt man jetzt noch: „Zumindest bezahlst du andere dafür, dass sie das Gemetzel in deinem Auftrag erledigen“, dann erntet man wahlweise beleidigte Funkstille oder wird zum Mittelpunkt einer fäkalrhetorischen Spontanimprovisation mit beachtlichem Erinnerungswert.

 

Wie kommt es, dass zwei Menschen, die sich in ihrer Ablehnung von Tierquälerei vordergründig absolut einig sind, zu derart konträren Schlussfolgerungen kommen, wenn es um das Thema ‚Tierprodukte essen‘ geht?

 

Eine plausible Erklärung liefert die Psychologin Melanie Joy, die den Begriff ‚Karnismus‘ eingeführt hat. Karnismus ist ein gesellschaftlich dominantes, gewalttätiges, komplexes Glaubenssystem, das es uns erlaubt – entgegen unserer eigentlichen Überzeugung – bestimmte Tiere ihrer Freiheit zu berauben, sie zu quälen, zu töten und zu essen. Damit intelligente und eigentlich empathische Menschen es fertig bringen, wehrlosen, unschuldigen Geschöpfen erst ein leidvolles Leben zu bereiten, ihnen dann im Baby- oder Kindesalter einfach die Kehle aufzuschlitzen (bzw. diese Taten an andere zu delegieren) und sie dann mit Genuss(!), ohne jedes Schuldgefühl, zu verspeisen, ist es erforderlich, dass sie sich gedanklich und gefühlsmäßig soweit wie nur irgend möglich von diesem Gewaltprozess dissoziieren. Melanie Joy nennt dieses Phänomen ‚missing link‘. Die Akteure haben es im Laufe ihres Lebens auf kreative Weise geschafft, ihr angeborenes Mitgefühl selektiv zu betäuben und ihre Wahrnehmung so zu konditionieren, dass keinerlei Verbindung mehr zwischen dem ermordeten Tier und dem leckeren Essen auf ihrem Teller existiert. Sie haben gelernt, faszinierende Individuen zu Produkten zu verdinglichen, indem sie ‚jemand‘ konsequent als ‚etwas‘ betrachten.

 

Unsere Umgebung (Familie, Schule, Freundeskreis, Medien) suggeriert uns von klein auf gebetsmühlenartig, dass der Konsum bestimmter tierlicher Produkte völlig normal, natürlich und für unsere Gesundheit zwingend notwendig ist. Schon als Kinder halten wir deshalb ‚Argumente‘ für wahr, die tatsächlich nichts weiter sind als Marketingbotschaften des gesellschaftlichen Mainstream und der Nahrungsmittelindustrie – eine soziale Übereinkunft zur Vertuschung und Rechtfertigung moralisch fragwürdiger Handlungen.

 

Wenn Sie zu der gesellschaftlichen Mehrheit gehören, die sagt: „Natürlich lehne ich Tierquälerei entschieden ab. Gleichzeitig finde ich es in Ordnung, Fleisch und/oder Milch, Eier und Käse zu konsumieren“, dann möchte ich sie einladen, im Folgenden einige Ihrer eventuell verinnerlichten Argumente mal mit etwas Abstand zu betrachten. Gestatten Sie sich bitte, die gespeicherten Ja-aber-Texte Ihres Autopiloten neugierig so zu sehen, als seien sie eben keine erwiesenen Fakten, sondern einfach vertraute Sichtweisen und erlernte Standardreaktionen, allesamt bestens bewährt und sozial erwünscht, aber vielleicht doch nicht ganz im Einklang mit Ihren ‚eigentlichen‘ Wertvorstellungen.

 

1. Aber fast alle Menschen essen Fleisch (oder konsumieren andere tierliche Produkte).

 

Ob die Mehrheit einer Gesellschaft eine bestimmte Handlung regelmäßig vollzieht, sagt gar nichts darüber aus, ob das Verhalten gut und richtig ist. Es verrät lediglich, dass dieses Verhalten offenbar üblich ist. Wieso sollte es aber richtig sein, dass wir millionenfach wehrlose Tiere ermorden?

 

2. Aber der Mensch isst doch schon immer Fleisch.

 

Selbst, wenn wir annehmen, dass diese Aussage sachlich richtig ist – was sie nicht ist, aber tun wir der Einfachheit halber mal so – sagt sie ebenfalls nichts darüber aus, ob dieses Verhalten hier und heute richtig ist. Der Mensch zeigt eine ganze Reihe von Verhaltensweisen ’schon immer‘: Er mordet, foltert, vergewaltigt, plündert, missbraucht Kinder, führt Kriege. Nur weil all das eine lange ‚Tradition‘ hat, ist es noch lange nicht richtig. Gewalttätige Handlungen gegenüber Schwächeren waren und sind Unrecht.

 

3. Aber es ist doch schließlich nicht verboten, Fleisch zu essen.

 

Was eine Gesellschaft erlaubt und was sie verbietet, liefert keine verlässlichen Hinweise auf moralisch integres Verhalten. Die Geschichtsbücher sind voller entsetzlicher Beispiele von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die durch die jeweils gültigen Gesetze abgedeckt waren. Hexenverbrennungen, Holocaust, Rassendiskriminierung – all das war völlig legal.

 

4. Aber es sind doch nur Tiere. Das ist doch wohl immer noch was anderes.

 

Zu allen Zeiten haben Menschen irrelevante Kriterien herangezogen, um ihre ethischen Verbrechen zu legitimieren: Zugehörigkeit zu einer bestimmten ethnischen Gruppe, Geschlecht, sexuelle Neigung, Religion, Zugehörigkeit zu einer bestimmten Spezies. Das entscheidende Kriterium für die seriöse Beurteilung, ob jemand moralisch von Bedeutung ist, ist die Frage: „Kann er oder sie Freude und Leid empfinden?“ Dies ist bei allen Wirbeltieren ganz offensichtlich der Fall. Wieso sollten wir zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Tieren unterscheiden, wenn es um das elementare Lebensrecht leidensfähiger Geschöpfe geht?

 

5. Aber die Tiere sind doch schon tot. Es nützt ihnen nichts mehr, wenn ich sie nicht esse.

 

Es ist naiv zu glauben, dass Sie als ‚Verbraucher‘ keinen Einfluss darauf hätten, welche ‚Lebensmittel‘ produziert werden und unter welchen Bedingungen das geschieht. Der Markt für tierliche Produkte ist ein nachfrageorientierter Markt. Mit jedem Schnitzel, das sie dem Kühlregal entnehmen, oder das sie im Restaurant bestellen, beauftragen Sie die nächste Hinrichtung eines unschuldigen Tieres. Wenn wir aufhören zu konsumieren, werden die Produzenten (wenn auch nicht sofort) aufhören, Tiere auszubeuten und zu töten und stattdessen andere Produkte herstellen.

 

6. Aber ich lehne diese widerliche Massentierhaltung doch auch ab. Ich esse ausschließlich Tiere, die artgerecht gehalten und human getötet wurden.

 

Selbst wenn es stimmt, dass gerade Sie zu dem verschwindend kleinen Teil derer gehören, die ‚glückliches Fleisch‘ konsumieren (98% des in Deutschland produzierten Fleisches entstammt nachweislich der Massentierhaltung) und Sie tatsächlich niemals anderes Fleisch essen (z.B. in der Betriebskantine, bei Einladungen, in Restaurants, auf Reisen, bei öffentlichen Veranstaltungen, …) – Weshalb sollte die Tatsache, dass ein Tierkind bislang glücklich gelebt hat, Sie dazu berechtigen, kurzerhand sein Leben auszulöschen? Ist es nicht, im Gegenteil, besonders grausam und verwerflich, Tiere, die sich Ihres Lebens tatsächlich jeden Tag aufs Neue erfreuen, und noch nicht mal ein Zehntel ihrer natürlichen Lebenserwartung hinter sich haben, zu Ihrem Vergnügen hinzurichten? Es gibt kein ‚glückliches Fleisch‘, nur totes, und es gibt auch kein humanes Töten. Entweder Sie sind human, oder Sie töten.

 

7. Aber es sind schließlich Nutztiere. Sie sind doch da, um von uns gegessen zu werden.

 

Die Bezeichnung ‚Nutztier‘ ist eine willkürliche, zynische Kategorisierung, die Menschen überall auf der Welt vornehmen, um sich nicht schlecht fühlen zu müssen, wenn sie bestimmte Tiere quälen und töten. Die Willkür lässt sich leicht schon daran erkennen, dass in verschiedenen Kulturen die Frage, wen man ungestraft essen darf, völlig unterschiedlich beantwortet wird, und diese Kulturen sich voller Ekel gegenseitig als Barbaren beschimpfen. Dass in manchen asiatischen Ländern zum Beispiel massenhaft Hunde verspeist werden, empfinden deutsche Tierfreunde als widerwärtig. Umgekehrt töten wir in unserem Land jährlich 58 Millionen Schweine – leidensfähige, soziale, äußerst intelligente Geschöpfe (intelligenter als Hunde) – und finden das völlig normal. Das wird nicht dadurch richtig, dass wir einen schönen Begriff erfinden, der uns das gestattet.

 

8. Aber diese Tiere würden ohne uns Menschen doch gar nicht existieren.

 

Ja, das stimmt. Das Gleiche gilt aber zum Beispiel auch für Ihre eigenen Kinder. Sie existieren, weil Sie sie in die Welt gebracht haben. Heißt das, dass Sie deshalb das Recht haben, mit ihnen zu machen, was immer Ihnen beliebt? Ist es nicht vielmehr so, dass Sie gerade deshalb eine ganz besondere Verantwortung für ihr Wohlergehen haben?

 

9. Aber diese Tiere werden aussterben, wenn wir sie nicht mehr essen.

 

Ja, auch das stimmt vermutlich. Die “Tierqualzüchtungen‘ aus Frankensteins Labor werden längerfristig aufhören zu existieren. Wenn wir sukzessive aufhören, tierliche Produkte zu konsumieren, werden immer weniger ‚Ausnutztiere‘ gezüchtet. Dadurch werden weniger Futtermittel und Weideflächen benötigt, was dazu führen wird, dass wir allmählich aufhören werden, Regenwälder abzuholzen, Gewässer zu verseuchen und Böden zu ruinieren. Die Ökosysteme können sich erholen und das Artensterben wird verlangsamt.

 

10. Schön und gut, aber es ändert sich doch nichts, wenn ich jetzt aufhöre, Tiere zu essen. Was kann kann ich allein schon bewirken?

 

Die Aussage ist gleich mehrfach falsch. Erstens sind Sie nicht allein. Zweitens hat jede nachhaltige soziale Umwälzung genau damit begonnen, dass ein paar wenige Menschen begonnen haben, einem kranken System ihre Gefolgschaft zu verweigern. Eine kritische Masse ist bereits erreicht, wenn quer durch alle Bevölkerungsgruppen drei bis fünf Prozent der Menschen hinreichend wütend sind und gegen den Status Quo aufbegehren. Drittens ist genau das Gegenteil Ihrer Aussage wahr: Selbst wenn Sie es wollten, könnten Sie nicht einen einzigen Tag Ihres Lebens verbringen, ohne etwas zu bewirken. Was immer Sie tun oder unterlassen, wird immer von anderen wahrgenommen und löst Reaktionen aus. Es macht immer einen Unterschied. Sie können sich allerdings entscheiden, welchen Unterschied Sie mit Ihrem Leben machen wollen. Wählen Sie Wahrheit oder Lüge, Mitgefühl oder Gleichgültigkeit, Gerechtigkeit oder Verrat, Zivilcourage oder Konformität?

 

 

Zur Vertiefung:

 

Wenn Sie neugierig sind, mehr über unsere geistigen und emotionalen Scheuklappen in Sachen ‚Tiere essen‘ zu erfahren, empfehle ich die Lektüre der folgenden Bücher.

  • Melanie Joy: Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen.
  • Gary L. Francione / Anna Charlton: Über die Moral des Tierkonsums.
  • Hilal Sezgin: Artgerecht ist nur die Freiheit.

– Text: Armin Rohm

 

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