So befreit man Tiere!

Jens, unser Experte für humorvolle Analysen und sarkastische Bemerkungen imaginiert diesmal, wie man am besten Tiere aus der Massentierhaltung befreien kann.

Tierbefreiung

Hat jemand Lust, mit mir eine Tierbefreiung durchzuführen? Ich bin nach Wochen jetzt endlich mit meiner Planung fertig geworden, da dachte ich mir, dass das Einzige, was mir jetzt noch fehlt, ein wildfremder Mensch ist, den ich in mein Vorhaben aus einer Laune heraus involvieren könnte. Allerdings bin ich natürlich nicht blauäugig, deshalb muss ich vorab auf die schriftliche Versicherung bestehen, dass mein Komplize in spe meine Texte richtig dufte findet und auch Tiere total lieb hat. Sobald mir dieses Schriftstück vorliegt, können wir dann aber auch direkt losziehen. Mal sehen, wen wir noch so alles auf dem Weg zu dieser Straftat treffen und spontan einbeziehen können.

Wieso hat eigentlich vor mir noch keiner die Kriminalität als 1A-Kontaktbörse entdeckt? Da steckt doch bestimmt irgendein einflussreiches Partnervermittlungsinstitut hinter, das panisch seine Felle wegschwimmen sah, deshalb diese großartige neue Geschäftsidee schon im Voraus lächerlich gemacht und so bisher ihre Durchsetzung verhindert hat. Aber damit ist jetzt Schluss, „Grote-in-Love“-Productions präsentiert in Zusammenarbeit mit der „Until every cell is full“-GmbH die ultimative Suche nach dem Tierrechts-Traumprinzen und der Tierbefreiungs-Wunschprinzessin.
Da mir Kleckern fremd ist und ich schon immer zum Klotzen geneigt habe, wurde von mir auch gleich ein komplettes Konzept für eine Fernsehsendung ausgearbeitet, das absolut genial die etablierte Sparte „Mediale Suche nach einem Super-Hiwi“ und meine persönliche Hirngeburt mit unendlichem Hitpotential verbindet. Sogar einen Titel habe ich schon parat, nämlich „The Liberatelor – Bis dass der Staatsanwalt uns scheidet“. Diese neue Messlatte der Verkupplungsshows dreht sich um einen Tierbefreier, der für zwei Wochen in eine Legebatterie einzieht und dort 10 fremde Menschen trifft, mit denen er lustige Spielchen wie „Außenalarmanlagen erkennen“ oder „Drahtzäune durchschneiden“ absolvieren muss.

Das Hauptaugenmerk des Formats liegt aber in den Gesprächen, die untereinander geführt werden und dort ist auch der besondere Reiz in der Überlegung auszumachen, das Ganze in der Tierrechtsszene zu etablieren. Denn dadurch wird schon im Vorfeld so gut wie sichergestellt, dass sich diese Leute untereinander nicht besonders grün sind und jeder alles besser weiß. Das ist natürlich die Mischung, aus der heitere Zickenkriege ohne Ende entstehen, die wiederum die Einschaltquote durch die Decke schießen lassen.
Am Ende jeder Folge darf der Tierbefreier dann Bolzenschneider an die Bewerber verschenken, die ihm besonders sympathisch sind. Hier gibt es aber jeweils einen Bolzenschneider weniger als Bewohner in der Legebatterie, so dass immer ein Loser aus der Sendung fliegt. Das geht solange, bis nur noch einer der 10 Kandidaten übrig ist.

Hier kommt allerdings noch mal ein ulkiger Knackpunkt ins Spiel, denn unter den Teilnehmern befindet sich auch ein V-Mann der Polizei. Wenn sich der Liberatelor am Ende für diesen entscheidet, gibt es keinen neuen Partner für zukünftige illegale Tierrechtsaktionen, sondern er muss stattdessen 5 Jahre ins Gefängnis. Welch ein Spaß für die ganze Familie!

Der Zuschauer darf außerdem noch während der Ausstrahlung tippen, wer wohl der falsche Fuffziger in der Batterie ist, indem er per Telefonvoting seine diesbezügliche Stimme abgibt. Am Ende der Staffel kann der Sender dann noch irgendetwas Themenrelevantes wie eine Skimaske oder ein Stück Stacheldraht unter den Anrufern verlosen.

Im Gegenzug ist so das Konzept raffinierterweise schon allein durch die anfallenden Telefongebühren gegenfinanziert und kann deshalb zumindest vom Geldverlust her kein Flop mehr werden. Wenn jetzt noch Jörg Pilawa als Moderator gewonnen werden könnte, dann wäre wohl auch endlich die Diskussion über die Nachfolgesendung für „Wetten, dass..?“ vom Tisch und der zukünftige Samstagabendgenerationenspaß absolut gerettet.
Mir bleibt jetzt nur noch, meinen Vorschlag den Sendeanstalten zu unterbreiten und danach darauf zu warten, ob bzw. wann ein Verantwortlicher begeistert zuschlägt. Bis es so weit ist, muss ich mich in Geduld üben, gleichzeitig können aber auch alle Bewerber, die sich auf öffentlichen Internetplattformen oder per PN für Tierbefreiungsgruppen anbieten möchten, ihre Bemühungen einstellen.

Denn diese müssen definitiv fruchtlos bleiben, solange mein Konzept nicht an den Start geht. Kein Tierbefreier dieser Welt wird nämlich jemanden in seinen Aktivistenkreis aufnehmen, nur weil der Anfrager von einer Formulierfähigkeit angetan ist oder seine absolute Tierliebe zu Protokoll gibt. Eine Tierbefreiung ist etwas Illegales, diese Tatsache schließt einen Erfolg von schriftlichen Bewerbungen wildfremder Menschen absolut aus. Allerdings muss niemand über eine diesbezügliche Abfuhr traurig sein, denn glücklicherweise existieren Überlegungen, die eine Verweigerung für diesen Recall durchaus positiv relativieren.
Da wäre als erstes die Realitätskeule zu nennen, die eine Romantisierung von Tierbefreiungen gnadenlos wegdrischt und durch die ziemlich trostlose und anstrengende Knochenarbeit ersetzt, die diese Berufung darstellt. Ich bewege mich hier zwar auf dem Gebiet der reinen Spekulation, da eine Tierbefreiung wie bereits geschrieben verboten ist und ich so etwas aufgrund dieses Pfui-Pfui-Status selbstverständlich niemals selber durchziehen oder auch nur in Betracht ziehen würde. Dennoch reicht meine Fantasie aus, um mir gewisse Umstände auszumalen, die auf diesem Gebiet nicht so prickelnd besetzt sind.

Es geht wahrscheinlich schon direkt damit los, dass die Durchführung so einer Aktion immer etwas mit Schleppereien zu tun hat und diese auch noch oft auf Wegen stattfinden, die nicht unbedingt für regen Publikumsverkehr zugelassen wurden. Ich könnte mir theoretisch vorstellen, dass es ganz schön in die Arme gehen kann, zwei belegte Transportboxen von X nach Y tragen zu müssen.

Da direkt vor den Tiergefängnissen auch die großzügigste Parkmöglichkeit wohl nicht unbedingt von Leuten, die einen Einbruch planen, begeistert frequentiert wird und das Auto ergo irgendwo in der Pampa abgestellt werden muss, könnten dabei bestimmt hin und wieder ganz schöne Strecken herausspringen. Auch sehe ich es als sehr plausibel an, dass eine nähere Bekanntschaft mit Stacheldraht- und Elektrozäunen durchaus schmerzhaft besetzt sein könnte, gerade wenn diese Begegnung während einer nicht geplanten und deshalb recht hektisch ausgeführten Flucht nach einer Entdeckung stattfindet.
Überhaupt gibt es für tierliebende Menschen wohl kaum etwas Schlimmeres, als aus einem Qualbetrieb nur einen Bruchteil der Gefangenen herauszuholen und dann mit dem festen Wissen über das sichere Ende der restlichen Insassen die Folterstätte wieder zu verlassen. Das ist garantiert eine Überlegung, die im Nachspiel sensibleren Gemütern noch die eine oder andere schlaflose Nacht bescheren könnte. Gerade auch, weil bestimmt kein noch so grausames Facebook-Bild der Welt mit einer Liveerfahrung mithalten kann. Möglicherweise sorgt da bereits der auf virtuellen Plattformen selten mitgelieferte Geruch für völlig neue Schauererlebnisse.

Auch wäre es denkbar, dass man als Tierbefreier mit völlig neuen Krankheitsbildern in Kontakt kommt und sich schon allein durch das Betreten gewisser Orte einen längeren Aufenthalt in Durchfallhausen bucht. Erwähnenswert ist sicher auch die immer bestehende Gefahr einer unerwünschten Begegnung und der damit Hand in Hand gehenden Theorie, dass auch der eine oder andere Tierausbeuter durchaus Spinat nicht abgeneigt ist und so vom Körperbau her dem tapferen Befreier ebenbürtig oder sogar überlegen sein könnte

Wenn darüber hinaus vom Tierquäler auch noch eine bessere Sprintfähigkeit in die Waagschale geworfen wird, könnte so eine Befreiung sogar den einen oder anderen Zahn kosten. Und das auch nur im günstigsten Fall, denn sicherlich sind der Brutalität gerade von Tierquälern praktisch keine Grenzen gesetzt, so dass man seinen Einsatz bei einem Auffliegen auch durchaus mit der Verabschiedung von anderen Körperutensilien bezahlen könnte.

Das sind längst nicht alle Thesen, die ich mir auf diesem Gebiet als ziemlich demotivierend vorstelle, allerdings will ich hier den Katalog doch abbrechen. Mich interessiert im Moment nämlich nur das Fazit, dass so eine Befreiungsaktion in der Realität anders und vor allem anstrengender besetzt ist, als lediglich mit dem ehrenwerten Vorsatz, Johanna, dem Huhn die Käfigtür zu öffnen und ihm so das Leben zu retten.

Damit sind wir aber glücklicherweise an der Stelle im Thema angelangt, die eine sehr schöne Perspektive für denjenigen beinhaltet, der sich tatsächlich ernsthaft für Tierbefreiungen interessiert und auf diesem Gebiet eine gewichtige Rolle spielen möchte. Denn der eigentliche Befreiungsvorgang ist nur ein Rädchen im Getriebe, das ohne andere Bestandteile niemals funktionieren kann. Hinzu kommt der Riesenbonus, dass diese alternativen Handlungen absolut legal und sogar im Gegensatz zur eigentlichen Tierbefreiung nicht überbesetzt sind.

Während sich die Befreiungsszene nämlich keinerlei Nachwuchssorgen machen muss und sehr stabil aufgestellt ist, wenn es um die Rekrutierung von nächtlichen Wanderfreunden geht, scheitern die meisten dieser Aktionen daran, dass kaum Pflegeplätze vorhanden sind, an denen die herausgeholten Tiere dann ihren Lebensabend verbringen können. Ohne diese Möglichkeiten muss man sich aber gar nicht erst in Ausbeutungsstätten begeben.

Das ist der Hintergrund, warum ich jede Anfrage, egal ob in virtuellen Gruppen oder durch direkten Mailkontakt, im Endeffekt doch positiv beantworten kann. Denn wer in Sachen Tierbefreiungen aktiv werden will, weil er nicht mehr nur zugucken möchte, der sollte zu seiner Bank gehen, einen Dauerauftrag für einen Lebenshof einrichten und auf diese Weise einen der wichtigsten Bereiche auf diesem Gebiet mitstemmen. So wird nämlich die eigentliche Basis eingerichtet, die alle Folgetaten überhaupt erst ermöglicht. Nach dieser Erkenntnis kann man auch erahnen, was es für eine Katastrophe ist, dass die Pflege dieses Grundpfeilers so stiefmütterlich von der Tierrechtsszene behandelt wird.

Bevor man Tiere aus Qualbetrieben herausholt, muss man erst mal Menschen finden, die Geldscheine herausholen, um die Zukunft der Opfer zu finanzieren, das Ganze idealerweise in regelmäßigen, deshalb verlässlichen und so planbaren Intervallen. Wenn man zu diesen Zahlungen bereit ist, sollte man sich auch nie von albernen Besserwissern einreden lassen, dass man dadurch nicht Teil von Tierbefreiungsaktionen ist. Im Gegenteil sitzt man als Spender in einer sehr entscheidenden Position, von der im Endeffekt sogar das Wohl und Wehe der ganzen Bewegung abhängt.

Wer also in meine Tierbefreiungsgruppe möchte, für den habe ich drei gute Nachrichten: Zum einen habe ich tatsächlich immer Plätze frei, diese sind sogar absolut legal und last but not least kosten sie lediglich Geld und ein paar Minuten Zeit, die man für die Einrichtung eines Dauerauftrags benötigt. Da bleibt mir im Fazit nur noch, allen Spendern ein herzliches Willkommen in der aktiven Tierbefreiungsbewegung auszurichten. Until every cage is empty und vor allem in der Folge every stomach full.


– Text: Jens Grotartig, Titelbild: Alina Brost

 

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