Strahlend wird die Zukunft sein

Gestern erschien in der F.A.Z. ein Artikel mit dem Titel „Atomkraft? Ja, bitte!“ Jens Grote hat sich diesen genauer angeschaut. Und hat festgestellt, dass Atomkraftbefürworter echt komische Argumente haben.

AKW Grote

Atomkraftbefürworter sind schon ein seltsames Völkchen. Zu dem Schluss bin ich gerade wieder gekommen, nachdem ich mir einen Artikel zum Thema in der FAZ zu Gemüte geführt habe. Da schwadroniert ein Journalist über 4 Seiten darüber, wie toll dieses Strahlungswunder ist, wie sehr sich die Massenmeinung irrt, wenn sie da auch nur einen Hauch von Gefahr sieht, und wie sicher es belegt ist, dass sämtliche Anti-Atomkraftthesen totaler Unsinn sind.

Er hat sich also richtig Mühe gegeben, um das atomare Disneyland samt verstrahlter Micky Maus an den Mann zu bringen, und dennoch kann man den ganzen ellenlangen Artikel mit nur einer Reaktion entlarven. Ganz einfach, indem man dem Mann vorschlägt, hier doch seine Zelte abzubrechen und nach Fukushima zu ziehen. Da kann man zurzeit wirklich kinderleicht eine Wohnung finden, in der Nähe des geplatzten Atomkraftwerks steht 99 % der Infrastruktur nicht nur leer, da sind sogar ganze Häuser zum totalen Schnäppchenpreis zu haben.

Seltsamerweise wird dieses Angebot aber kaum von Atom-Befürwortern angenommen. Ich kenne den Journalisten zwar nicht, aber ich gehe jetzt mal einfach davon aus, dass auch er sich dieses Traumangebot entgehen lässt. Und dass trotz seines Artikels, in dem er sogar erklärt, dass in dieser Stadt gar keine Katastrophe stattgefunden hat. Denn um diesen Begriff anzuwenden, sind seiner Meinung nach viel zu wenig Menschen gestorben, von Kollateralschäden ganz zu schweigen, die negiert er auch allesamt zu vernachlässigenden und nicht erwähnenswerten Kleinkram.

Das sogar die amerikanische Westküste mit dem verstrahlten Wasser zu kämpfen hatte und sich deshalb mal direkt von weiten Teilen der tierischen küstennahen Bevölkerung verabschieden musste, lässt er ganz unter den Tisch fallen. Er verliert auch kein Wort über den Todesstreifen, den Forscher nach Fukushima und dem kaputten Reaktor zurückverfolgt haben, in dem Meeresbewohner nur noch als Iglo Fischstäbchen gesichtet wurden. Er zitiert da lieber einen schwedischen Rübezahl, der anscheinend ein schlecht gewordenes Wasa-Knäckebrot zum Frühstück erwischt hat und deshalb ins Protokoll hustet, dass durch den Reaktorunfall in Japan kein Mensch gestorben ist.

Das glaube ich persönlich zwar nicht, aber sollte durch den direkten Knall tatsächlich niemand zum finalen Sayonara angesetzt haben, dann kann ich da nur ein „Abwarten“ als Gegenthese auffahren. Was ist zum Beispiel aus dem japanischen Politiker geworden, der öffentlichkeitswirksam verstrahlte Landwirtschaftsprodukte live im Fernsehen zu sich genommen hat. Von dem hat man danach ja nie wieder was gehört. Es wäre mal ganz interessant zu erfahren, ob dem Kerl schon ein zweiter Kopf gewachsen ist oder ob er wenigstens einen Spinnensinn entwickeln konnte.

Auf jeden Fall steht die richtige Welle an Folgeschäden noch aus, und das sehr wahrscheinlich noch nicht mal nur auf Japan bezogen, sondern exakt im Einzugsgebiet der Strahlungswolke. Wenn Leute nämlich so eine Schlechtwetterfront made in Hell im persönlichen Vorgarten entdecken, fallen sie dabei nur direkt um, wenn es sich um Protagonisten einer Sci-Fi-Serie handelt. Weil es in einer Hollywoodproduktion eher langweilig wäre, wenn die Bedrohung ein paar Jahrzehnte auf sich warten lässt. Was aber nichts daran ändert, dass man hier in der Realität erst in gut 50 Jahren den Bodycountzähler in Sachen Fukushima anhalten darf. Und dieses recht knappe Zeitfenster würde sogar unter „Glück gehabt“ laufen.

Mit diesen Kinkerlitzchen hält sich der Pro-Atomkraft-Schreiberling aber nicht auf, er führt lieber an, dass irgendwann 11 Milliarden Menschen eine Waschmaschine benötigen. Wieder so eine Aussage, die für mich auf verschiedenen Gebieten nicht funktioniert.

Da wäre zum Einen die Bevölkerungsangabe. Ich bin auch kein Freund des „Mit einer veganen Ernährung könnte man 14 Milliarden Menschen satt bekommen“-Arguments. Wenn sich mal tatsächlich irgendwann 11 oder sogar 14 Milliarden Menschen auf diesem Planeten tummeln, dann existieren praktisch unlösbare Probleme, wovon die Energie- und Nahrungsversorgung nur zwei von vielen sind. Ich bin wirklich froh, dass ich diese tatsächlich mal realisierte „Das Boot ist voll“-Variante nicht mehr erleben werde.

Die menschliche Überbevölkerung ist ein Gegenwarts- und Zukunftsszenario, das dringend bekämpft werden muss. Indem man sich in der so genannten Ersten und Zweiten Welt an China orientiert und endlich mal eine Geburtenkontrolle einführt, bis der Baby-Boom auf ein normales Niveau zurückgegangen ist. Und vor allem, indem man der Dritten Welt unter die Arme greift, damit sich dort niemand mehr dem einzigen Rentenkonzept „Poppen, bis der Arzt bzw. ein zukünftiger Versorger kommt“ unterwerfen muss. Auf keinen Fall ist die Überbevölkerung etwas, das man laufen lassen sollte und womit man sogar tödlich strahlende Energiequellen hypen darf.

Zum Zweiten sehe ich auch nicht, warum man Waschmaschinen nicht mit sauberer Energie betreiben kann. Mein fieser Gegenpart führt da offiziell Platzprobleme, Unwille in der Bevölkerung und inoffiziell sicher auch noch weniger Spaß bei Attentaten ins Feld. Das lasse ich aber auch durch die Bank nicht gelten. Die Bevölkerung muss aufgeklärt werden, so lange, bis auch der letzte verschwörungsaffine Impfgegner begreift, dass Windkrafträder nicht aus der Inneren Erde kommen und auch kein Gefahrenpotenzial für ihn und seine Vorgartenradieschen darstellen. Und auch die Platzprobleme wird die Menschheit mehr und mehr in den Griff bekommen, wenn sie denn nur wöllte. Diesbezüglich weise ich nur darauf hin, dass der erste Computer auch noch eine ganze Wohnsuite gebraucht hat und heutzutage ein ähnlich leistungsschwaches Gerät auf der Hälfte meines Wohnzimmertisches heimisch geworden ist.

Auf diffuse Demnächstaussichten kann ich mich ohne Weiteres berufen, denn das tut der „Strahlend wird die Zukunft sein“-Protagé auch. Er erklärt nämlich in Sachen Atommüll, dass dieser längst kein Problem mehr darstellt, weil moderne Atommeiler das Teufelzeug einfach als eigenen Sprit benutzen. Da habe ich doch gleich mal gegoggelt und musste durchaus fasziniert feststellen, dass dieser Flüssigsalzreaktor gar keine Utopie mehr ist, sondern bereits 2020 in China ans Netz gehen soll. Im gleichen Artikel muss man aber (erschreckenderweise nicht mal zähneknirschend) festhalten, dass dieses Ding zwar als Antrieb alte Brennstäbe benutzt, gleichzeitig aber selber Müll produziert. Der strahlt allerdings nur noch 100 statt 1.000 Jahre, was für mich trotzdem höchstens als makaberer Erfolg durchgeht. Wobei auch nicht mal annähernd geklärt ist, was wir solange mit den bereits existierenden Brennstäben machen. Für die ist noch immer kein Endlager in Sicht, und man wird garantiert nicht alle zusammen in das neue Strahlwunder kippen können. Zumal dieses Godzillafutter dann ja auch gar keinen Antrieb für Folgejahre mehr hätte.

Der Zeilenschmied der FAZ ist sich noch nicht mal zu schade, um in normale omnivore Muster zu fallen. Und diesen Verweis darf ich bringen, denn er bemüht den „veganen Radfahrer“ gleich zweimal als Synonym für alles Böse auf dieser Welt. Also kann ich wohl im Gegenzug den Omnivoren als Platzhalter für alles im „Billig, praktisch, schmeckt, also scheiß auf die Umwelt und Folgegenerationen“-Kosmos benutzen.

Jedenfalls musste er unbedingt noch ins Laptop kloppen, dass saubere Energiequellen sowieso nichts bringen. Denn in seiner kleinen Welt verhindert Deutschland mit Windrädern Treibhausgase, macht so Emissionszertifikate billiger und sorgt deshalb nur dafür, dass diese von fiesen polnischen Gießereien erworben werden, die dann einfach mehr Schadstoffe gen Himmel blasen dürfen. Und das ist wirklich eins der omnivoren Standardargumente. Frei nach dem Motto „Klar könnte ich anständig leben, aber damit wäre ich der Einzige im Freundeskreis, der es nicht krachen lässt, und würde mich blamieren“. Oder auch „Wenn alle in die Trinkwassertalsperre pissen, nehme ich doch nicht die private Toilette“. Übersetzt auf unser Thema; wir schaffen nicht etwa endlich den albernen Emissionshandel ab und bemühen uns pauschal überall um saubere Energien, nein, wir machen weiter mit bei der Umweltverschmutzung, als gäbe es kein Morgen, denn da sind wir nicht die Einzigen. Scotty, beam mich hoch, hier gibt es definitiv kein intelligentes Leben.

Wie auch immer, im Fazit kann ich allen Atomkraftbefürwortern nur nochmal in Sachen beeindruckende Überzeugungsarbeit meinen Vorschlag machen, den ich schon am Anfang in den Raum gestellt habe: Zieht nach Fukushima, da gibt es momentan billigen Wohnraum en masse. Und wenn ihr das nicht wollt, schiebt es nicht auf eure mangelnden Japanischkenntnisse, sondern gebt einfach zu, dass ein außer Kontrolle geratenes Atomkraftwerk generationenlang ganze Landstriche unbewohnbar macht und der Fall out eine fiese Sache ist, die auf Raten tötet. Sicher müssten man in diesem Tenor auch zugeben, dass so ein Meiler aus multiplen Gründen jederzeit über die Wupper gehen kann, was sich bestimmt schlecht in der „Alles halb so schlimm“-Propaganda machen würde. Aber es wäre wenigstens zur Abwechslung mal ehrlich.

Diese Art von Texten gibt es jetzt auch als Buch. Wer also das eine oder andere Mal schmunzeln konnte oder sich einfach nur mehr oder weniger gut unterhalten gefühlt hat, kann sich unter diesem Link hier sehr gerne einen 470-Seiten Nachschlag abholen: http://www.book-and-art-affairs.de/


– Text: Jens Grotartig, Titelbild: Alina Brost

 

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