Ihr Veganer haltet euch wohl für was Besseres?!

Armin Rohm interessiert sich für die Entstehung und Veränderung kollektiver gesellschaftlicher Überzeugungen. Mit seinen Beiträgen möchte er zum ‚Selbstdenken‘ ermutigen.

  

Ihr Veganer haltet euch wohl für was Besseres?!“ / „Aber ihr seid auch nicht perfekt!“

 Mittelfinger

Wer sich als Veganer auf Diskussionen mit Nicht-Veganern zum Thema „Tierprodukte konsumieren“ einlässt, weiß in der Regel sehr genau, was auf ihn zukommt. Die immer gleichen Argumente, Einwände, Vorwürfe, Anfeindungen und Kalauer, die er zu hören bekommen wird, sind so vorhersehbar, dass sie bereits in unzähligen Varianten als sogenanntes ‚Omni-Bingo‘ im Internet kursieren. Man ist also gewarnt. Dennoch gibt es einige ‚Standardvorwürfe‘, die mich noch immer in hohem Maße verstören, obwohl sie mir durchaus bekannt sind. Am meisten befremdet mich die feindselig-aggressive Anklage: „Ihr Veganer haltet euch wohl für etwas Besseres!“

Meine Irritation besteht vor allem darin, dass dieser Vorwurf bevorzugt in Gesprächen erhoben wird, in deren Verlauf ich versucht habe, zu verdeutlichen, dass Veganer sich ausdrücklich nicht als etwas Besseres fühlen, und dass gerade diese Einsicht bei vielen Menschen letztlich überhaupt erst dazu führt, sich für ein veganes Leben zu entscheiden. Veganer erkennen an, dass sie keineswegs die Krone der Schöpfung sind, sondern einfach ein Teil von ihr. Veganismus gründet auf dem bedingungslosen Mitgefühl und der Verantwortung gegenüber allen empfindsamen Lebewesen. Veganismus betont Gleichheit statt Überlegenheit. Niemand ist per se besser als andere.

Der Vorwurf „Du hältst dich wohl für etwas Besseres!“ ist auch nicht wirklich diskutierbar, weil er höchst unspezifisch daher kommt und fast alle relevanten Informationen unterschlägt:

  • Besser als wer?
  • In welcher Hinsicht besser?
  • Aus wessen Perspektive betrachtet?

Würden die Ankläger die fehlenden Informationen liefern, ließe sich die Frage, wer jeweils besser ist, zumindest bezogen auf konkrete Fragestellungen mit einer Portion gesundem Menschenverstand sogar halbwegs seriös beantworten. Das wird deutlich, wenn wir einfach ein paar ‚A-ist-besser-als-B-Behauptungen‘ entlang konkreter Szenarien mit vollständigen Informationen durchspielen. Dann lässt sich beispielsweise behaupten:

  • Nichtveganer sind aus Sicht des Bauernverbandes sehr wahrscheinlich deutlich bessere Menschen als Veganer, wenn es um die Akzeptanz der Ausbeutung der Tiere durch den Menschen und den Fortbestand der Massentierhaltung geht.
  • Veganer wiederum sind aus Sicht der sogenannten ‚Nutztiere‘ betrachtet, vermutlich tatsächlich die besseren Menschen, was den respektvollen Umgang mit leidensfähigen Lebewesen anbelangt.
  • Atze Schröder ist aus Sicht der Wiesenhof-Marketingleitung vermutlich ein besserer Mensch als jeder Veganer, zumindest hinsichtlich des Beitrags zur Profitmaximierung des Tierqualkonzerns.

Wer oder was gut oder gar besser ist, ist also immer kontextabhängig, je nachdem, wer gerade wen oder was, in welcher Hinsicht vergleicht.

Wenn ich angesichts der Anklage, mich wohl für etwas Besseres zu halten, um eine Präzisierung bitte und interessiert nachfrage, auf welche meiner Äußerungen oder Verhaltensweisen sich der Vorwurf bezieht, habe ich kurioserweise noch gar nie eine konkrete Antwort erhalten. Stattdessen folgt meist ein weiterer Pauschalvorwurf im Sinne von: „Ihr glaubt, ihr macht alles richtig, aber ihr seid auch nicht perfekt.“ Dann bin ich ein zweites Mal irritiert, denn ich kenne keinen Veganer, der das von sich behaupten würde.

Solche Erfahrungen lassen vermuten, dass diese Vorwürfe oft gar keine direkte Reaktion auf die Begegnung mit dem Veganer im Hier und Jetzt darstellen. Es handelt sich vielmehr um eine vorgefasste, pauschalisierte Meinung über Veganer im Allgemeinen, die dann an einer beliebigen Stelle im Gespräch platziert wird, unter dem Motto „Was ich euch Veganern immer schon mal sagen wollte.“

Dass die Gespräche für beide Seiten so irritierend sind, liegt möglicherweise daran, dass die Gesprächspartner häufig nicht das gleiche Verständnis haben, was Veganismus überhaupt bedeutet und welcher Anspruch an das eigene Verhalten sich daraus ableitet. Nicht-Veganer sind überwiegend der Ansicht, Veganismus sei (aus Sicht der Veganer!) eine edelmütige, moralisch überlegene, elitäre, jederzeit reflektierte Lebenseinstellung. Sie unterstellen dem Veganer das Selbstbild eines ethisch, ökologisch und sozial perfekt handelnden, allzeit fehlerfreien Menschen – und genau an diesem Anspruch messen sie ihn. Dieses ‚Miss-Verständnis‘ erklärt vielleicht, warum Nicht-Veganer im Gespräch so viel Energie und Detektivarbeit darauf verwenden, ihrem Gegenüber ’nachzuweisen‘, dass er sich in irgendeiner Hinsicht nicht perfekt verhält: „Du fährst Auto und tötest Fliegen“, „Dein PC enthält tierische Produkte“, „Dein T-Shirt wurde in Asien von Kindern gefertigt“, „Du bist auch schon in den Urlaub geflogen“, „Dein Strom kommt aus Biogasanlagen“, „…“.

In Wahrheit ist Veganismus aber überhaupt nichts Edelmütiges, schon gar nichts Perfektes, sondern nichts weiter als eine selbstverständliche, völlig logische Konsequenz der berühmten ‚goldenen Regel‘: „Behandle andere so, wie du selbst an ihrer Stelle gerne behandelt werden möchtest.“ Veganismus ist moralisch neutral. Er markiert gewissermaßen eine Mindestanforderung, die ‚moral baseline‘. Um zu verstehen, was das in der Praxis bedeutet, können wir uns eine imaginäre Skala vorstellen, die von minus hundert auf der einen Seite bis plus hundert auf der anderen Seite reicht. In der Mitte steht die Zahl null.

RohmWenn wir uns als minus hundert ein menschliches Verhalten vorstellen, das maximales Leid für die Tiere verursacht, und uns bei plus hundert die höchstmögliche aktive Fürsorge für die Tiere vorstellen, so definiert Veganismus die Nulllinie. Veganismus ist die Selbstverpflichtung, menschlichen und nichtmenschlichen Tieren niemals ohne vernünftigen Grund Leid zuzufügen. Wer sich für diese Lebensweise entscheidet, hat dadurch noch nichts für die Tiere getan, sondern zunächst lediglich seine Verantwortung anerkannt, dass er nicht das Recht hat, ihnen zu schaden. Beispielsweise hat er nicht das Recht, Tiere einzusperren, zu quälen und zu töten, um sie anschließend zu essen. Er ist also bestrebt, vermeidbares Leid zu vermeiden und lehnt es ab, sich willentlich und aktiv in den Minusbereich der Skala zu begeben oder andere dafür zu bezahlen, dass sie es in seinem Auftrag tun.

Wie unspektakulär diese moralischen Überlegungen eigentlich sind, können wir leicht erkennen, wenn wir sie einfach auf Geschöpfe übertragen, deren moralischer Wert quer durch unsere Gesellschaft völlig unstrittig ist. Wenn Eltern erklären, dass sie sich für das Wohlergehen ihrer Kinder verantwortlich fühlen und ihnen deshalb auf keinen Fall vorsätzlich Leid zufügen möchten, dann sind sie deshalb noch lange keine fürsorglichen Eltern. Sie formulieren lediglich einen Vorsatz, dessen Erfüllung sowohl ihre Kinder als auch eine zivilisierte Gesellschaft als selbstverständliche Normalität von ihnen erwarten dürfen. Mit Überlegenheit oder gar Perfektion hat das nichts zu tun. Würden die Eltern gar erklären, dass sie sich aus Liebe zu ihren Kindern entschieden haben, darauf zu verzichten, sie zu foltern, zu quälen oder abzustechen, würden wir erst Recht nicht auf die Idee kommen, sie für diesen ‚Liebesbeweis‘ zu feiern. Im Gegenteil: Wir wären höchst irritiert und entsetzt, dass sie es offenbar für notwendig erachten, dies explizit zu erwähnen. Wahrscheinlich würden wir sogar vorsichtshalber das Jugendamt verständigen oder die Eltern direkt zum Psychiater schleifen.

Was Veganer von Nicht-Veganern unterscheidet, ist, dass sie eben auch nichtmenschlichen Tieren das Recht zusprechen, eine Behandlung zu erfahren, die ihnen Leid, wenn möglich, erspart. Um moralisch zu zählen, ist es nicht nur unerheblich, welche Hautfarbe, welches Geschlecht oder welche sexuelle Neigung jemand hat, es ist auch irrelevant, welcher Spezies er oder sie angehört. Entscheidend ist vielmehr, ob jemand fühlen, lieben, leiden, trauern, Schmerz empfinden oder sich des Lebens erfreuen kann. Einen Vorrang menschlicher Interessen vor denen der Tiere anerkennen Veganer nur in echten, in der Praxis sehr seltenen, Konfliktsituationen. (Auch sie würden z.B. erst ihr Kind und dann ihren Hund aus den Flammen eines brennenden Autos retten.)

Tiere zum menschlichen Vergnügen auszubeuten, ist moralisch nicht zu rechtfertigen. Es gibt keinen einzigen guten Grund, diese mörderische ‚Tradition‘ fortzusetzen. Wir können mühelos glücklich und gesund leben, ohne irgendjemand vorsätzlich Leid zuzufügen. Deshalb sollten wir das einfach auch tun. Vielleicht können wir uns dann eines Tages tatsächlich als bessere Menschen fühlen – besser als die Menschen, die wir selbst waren, als wir noch Tierquälerei unterstützt haben.


– Text: Armin Rohm

Anmerkungen:

 

Die Überlegungen zur ‚moral baseline‘ entstammen weitgehend einem sehr lesenswerten Blogbeitrag: The Legacy of Pythagoras.

 

Eine gute Erklärung, was Veganer im Unterschied zu Nicht-Veganern angesichts toter Tiere auf unseren Tellern wahrnehmen, liefert Bite Size Vegan in einem schönen Video, das vollständig ohne grausame Bilder auskommt.


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