Rechtsrocker Frei.Wild: Der Soundtrack für Vollidioten

In seiner Kolumne “Die groteske Weltanschauung” schreibt Jens Grotartig über alle Undinge, die man so in Deutschland und in den sozialen Medien findet und erteilt ihnen eine gehörige Abfuhr. Diesmal geht es um die Rechtsrocker Frei.Wild – und ihre Fans.

Rechtsruckrock?

Gibt es eigentlich einen Zusammenhang zwischen einem perfekten Schminktalent und einer Glorifizierung von politisch nach rechts tendierenden Musikgruppen? Ich überlege gerade ernsthaft, unter dem Thema eine Doktorarbeit einzureichen. So ein Titel ist ja gerade bei meinen sehr beliebten Ernährungsdiskussionen nicht mit Gold aufzuwiegen, da es dort draußen Milliarden von Menschschafen gibt, die praktisch alles schlucken, solange der schwallende Laberkopf nur einen „Dr.“-Zusatz im Briefkopf anführen kann.

Und berechtigt wäre diese Studie allemal. Losgetreten durch einen Fernsehbericht sind nämlich aktuell mal wieder Heerscharen von Fans der Musikgruppe „Freiwild“ auf Facebook losgezogen, um naiven Plattformbenutzern zu erklären, warum die rechte Phrasendrescherei ihrer Lieblingsmusikanten halb so schlimm ist und überhaupt nichts mit Volksverhetzung zu tun hat. Zumindest meine Gesprächspartnerinnen rekrutieren sich da verstärkt aus dem Bereich der optisch ziemlich ansprechenden Barbiepüppchen, deshalb hat meine Eingangsfrage durchaus ihre Daseinsberechtigung. Zumal ihr Hintergrund für mich auch total nachvollziehbar ist, da das menschliche Hirn nun mal eine begrenzte Aufnahmekapazität hat. Wenn man sich also seine ganze Denkmatrix mit idealen Farbnuancen von Lippenstiften und perfekten Lidschattenbetonungen zugekleistert hat, bleibt halt wenig Platz für die kritische Reflektion und korrekte Einordnung von mehr oder weniger unterschwelligen rechten Gedankengut.

Manche „Überlegungen“ sind dabei sogar ganz witzig, wie zum Beispiel die Frage an meine Adresse, ob man denn schon rechtsradikal wäre, nur weil man den Sänger einer Rechtsrockgruppe süß findet, deshalb fleißig Konzerte besucht und CDs kauft. Zugegeben habe ich diese Diskussionseröffnung instinktiv als Ironie wahrgenommen und entsprechend beantwortet, aber wer kann auch bitteschön ahnen, dass hinter so einem debilen Rechercheantrag ein Gehirn steckt, das bockig das Anspringen verweigert, und deshalb diesen Schenkelklopfer bitterernst meint? Vielleicht wurde meine Erwiderung deswegen auch als etwas rüde aufgefasst, ich verwies nämlich darauf, dass ein Adolf-Hitler-Fan, der sich für dessen Reden begeistert, auch nicht mit der Erklärung auf Verständnis stoßen würde, dass diese Euphorie nur dem total niedlichen Schnurrbart geschuldet ist.

Ich verstehe in diesem Szenario aber auch nicht, warum man sich CDs von seiner Wichsvorlage anschafft. Ist man da mit einem Großformatposter über dem hauseigenen Plumpsklo oder einem ausgeschnitten Kopf aus der letzten Brrrrrrrravo auf der persönlichen Lieblingsgummipuppe nicht besser bedient, wenn man lediglich auf die hübsche Fresse des Rechtsauslegers abfährt? Wozu wird da Phonetik benötigt, als so eine Art Telefonsex-Update des Jahres 2015? „Jaaaaa, sing noch was von Vaterlandsliebe und Brauchtum ohne ausländische Verwässerung, ich bin gleich soweit, Baby…“ Örks, ich breche diese Überlegung an der Stelle besser ab, mein Mittagessen war sehr lecker, deshalb will ich jetzt nicht die Magenlagerung fahrlässig aufs Spiel zu setzen.

Ziemlich dämlich ist auch der Hinweis, dass man nur bestimmte Lieder dieser Gruppe mag und die rechtslastigen Vertreter auch nicht für so prickelnd hält. In dem Moment, wo man eine CD dieser Herren kauft, investiert man nun mal in die komplette Angebotspalette, völlig egal, ob man nur irgendein heiteres Sauflied der Kapelle endgeil findet. Man sollte es auch tunlichst unterlassen, die NPD zu wählen, nur weil die Partei so ein tolles Konzept für Kindergärten ausgetüftelt hat.

Das war jetzt übrigens ein völlig aus der Luft gegriffenes Beispiel, persönlich bezweifele ich nämlich, dass diese Parteiparodie auch nur eine einzige gute Idee am Start hat. Kritische Menschen vermissen bei diesem hochgejazzten Altherren-Stammtisch der Denkverletzten ja sogar ein eigenes Programm, wie sollte also die alternativ angebotene Sammlung von Texten, die sehr offensichtlich von einem regionalen Idiotentest abgeschrieben wurden, mit annehmbaren Punkten aufwarten?

Wie dem auch sei, man unterstützt im Endeffekt natürlich immer das Gesamtprodukt mit seiner Stimme oder eben seinen CD-Kauf/Konzertbesuch, und wenn das rechte Tendenzen hat, dann werden diese von keinem potentiell tollen Text über eine andere Problematik wettgemacht.

Auf eine richtig üble Schiene läuft dieser bis dato noch ganz ulkige Denkversuch aber spätestens, wenn plötzlich Aussagefäkalien wie „Endlich singt mal wieder eine Gruppe über deutsche Heimatliebe und schämt sich nicht mehr wegen Vorgängen, für die die heutige Generation längst keine Verantwortung mehr übernehmen muss“ formuliert werden. Da fange ich mal spontan mit dem zweiten Teil der Aussage an, denn natürlich muss die heutige Generation keine Verantwortung mehr für das Dritte Reich übernehmen, ganz anders sieht es aber mit dem deutschen Staat aus. Denn dieses Menschheitsverbrechen wird auf ewig mit diesem Land verknüpft sein, ganz einfach aus dem Grund, weil das Massaker hier stattgefunden hat, diese Tatsache niemals in Vergessenheit geraten darf und es deshalb keine Alternativen gibt, denen man diese zugegeben mehr als unangenehme Arschkarte zuschieben kann.

Das heißt für alle Menschen egal welcher Nation, Hautfarbe oder politischer Richtung, dass sie als Bürger dieses Landes keinesfalls für diese Verbrechen als direkte Verursacher gerade zu stehen haben, aber sehr wohl absolut verbindlich eine Verantwortung bezüglich des Umgangs mit und dem mahnenden Andenken von diesen geschichtlichen Widerlichkeiten übernehmen müssen. Und das beißt sich natürlich mit der Unterstützung von Gruppierungen wie „Freiwild“, die offen zur Bekämpfung von Heimatfeinden aufrufen und die deutsches Brauchtum in seiner Reinheit verteidigt sehen wollen.

Völlig uninteressant ist in diesem Zusammenhang die Erklärung, dass andere Länder ebenso zu ihrer dunklen Historie stehen müssen. Denn das ist natürlich ein Fakt, aber nur weil zum Beispiel der Durchschnittsamerikaner sehr viel lockerer mit dem blutigen Vernichtungsfeldzug gegen indianische Ureinwohner umgeht und diesen in einer Diskriminationsvariante sogar bis in die Gegenwart aktiv betreibt, sagt das absolut nichts darüber aus, dass der deutsche Einwohner genauso fahrlässig und unanständig seine Geschichte unter den Teppich kehren darf. Schon gar nicht mit Ansätzen, die auf eine Neuauflage dieses zappendusteren Kapitels im aktuellen Jahrhundert abzielen.

Die Sache mit der deutschen Heimatliebe ist auch unglaublich klebrig besetzt. Eigentlich würde es schon reichen, wenn die Leute mit der Extraportion Heimatbauchschmetterlingen einfach mal einsehen würden, dass sie mit ihrem Verweis darauf, dass sich niemand für seine Nationalität schämen muss, völlig recht haben, aber aus den exakt gleichen Gründen eben auch niemand auf seine Herkunft stolz sein kann.

Wo drauf soll sich eine Liebe zu Deutschland begründen? Auf die aktuelle große Regierungskoalition? Bei dieser ausgelebten Perversität läuft ein Liebesbekenntnis schon unter extrem kranken Sado-Maso-Fetisch. Auf die deutsche Sprache? Das wäre zumindest wieder eine Angabe mit Kicherpotential, wenn sie von Leuten formuliert wird, die das Ziel ihrer Begierde in 99 % aller Fälle schon direkt beim Liebesgeständnis mit Füßen treten und ungewollt persiflieren. Auf Landschaften? Die sind bestimmt nicht so hübsch geworden, nur weil sie mal per Grenze abgesteckt und unter Deutschland angelegt wurden. Auf die deutschen Ureinwohner? Tut mir leid, an dieser Stelle ist eine Erklärung selbst mir zu albern, obwohl Sauerkraut spachtelnde und biersaufende Fußballproleten in Lederhosen und Kniestrümpfen sicherlich eine durchaus lächerliche und entsprechend heiter besetzte Ausstrahlung besitzen.

Die Sachen, auf die man als deutscher Bürger tatsächlich eine Art von Stolz entwickeln kann, sind die Freiheiten in diesem Land, wie zum Beispiel die Meinungsfreiheit, auch wenn die längst nicht mehr umfassend gewährt wird. Auch das deutsche Grundgesetz hat durchaus lobenswerte Passagen anzubieten, das Verpönen der Todesstrafe ist sicher auch ein Punkt, den man hier ohne weiteres nennen kann.

Aber was fällt dem geneigten Leser beim Abarbeiten dieser sicher noch weit umfangreicheren Liste auf? All die Gründe, hinter die man sich als deutscher Bürger tatsächlich mit einem gewissen Stolz stellen kann, würden unter einer rechtsradikalen Herrschaft ruckzuck Geschichte sein. Ohne massive Eingriffe in das Grundgesetz, ohne Entzug heute noch normaler Bürgerfreiheiten und ohne das finale Ausschalten von politischen Gegnern ist so eine Diktatur gar nicht zu stemmen. Wie lächerlich ist es unter diesem Gesichtspunkt, etwas von Heimatliebe vorzusäuseln und gleichzeitig via Refrain das Abschlachten aller Feinde einzufordern?

Für mich selber ist der Begriff „Heimatliebe“ durchaus nicht allzu abstrakt besetzt. Ich liebe meine kleine Katzen/Hund-WG, meine Sprache halte ich trotz der unnötigen „das/dass“-Regel dennoch für die Beste der Welt, auf meine menschliche Familie bin ich ebenfalls unendlich stolz, auch diese Aufstellung lässt sich noch um einige Positionen verlängern. Der Unterschied zur schwammigen Heimatliebe rechtsorientierter Menschen ist aber, dass ich eben meine selbst eingerichtete Höhle mag, meine ganz eigene Form der Verständigung glorifiziere, die nur lose auf der deutschen Sprache basiert, und die Menschen und Tiere in meinem Leben liebe, mit denen ich tatsächlich in Kontakt stehe.

Diese Werte und Personen würde ich selbstverständlich auch verteidigen, aber wieso sollte ich so eine Handhabung tatsächlich auch bei einem ganzen Land und seiner Bräuche favorisieren? Ich habe durchaus grot´sche Traditionen, die werde ich auch immer beibehalten, aber genauso kann ich garantieren, dass ich die niemandem pauschal aufzwingen werde.

Eine der Klimperelsen hat zum Abschluss mit ihrer Antwort auf meine Frage, warum „Freiwild“ sich nicht einfach mal klar in ihren Texten gegen rechte Überzeugungen positionieren, wenn diese Schubladeneinteilung doch so unangebracht ist, das Thema ein letztes Mal humoristisch gebrochen. Denn diesbezüglich musste sie unbedingt zu Protokoll geben, dass eine Textzeile „Wir sind keine Neo-Nazis“ in einem der Machwerke existiert. Und das geht wohl zumindest in diesem Hirn als ultimative Freisprechung durch, so nach dem Motto „Die braune Szene feiert zwar die Texte ab, weil sie sich damit voll identifizieren kann, aber dieser ulkige Zufall sagt natürlich überhaupt nichts über die politische Richtung der Quelle aus“.

Das Reizvolle an dieser Überlegung ist übrigens, dass man solchen Leuten praktisch alles erzählen kann und sie jedes Dementi für bare Münze nehmen, völlig egal, was parallele Fakten für eine Sprache sprechen. Achtung, ich wage einen Selbstversuch: „Ich bin kein Sarkast und beherrsche die deutsche Grammatik perfekt.“ Wow, für viele Freiwild-Anhänger bin ich jetzt wahrscheinlich als seriös zu nehmendes Deutschgenie besetzt, reizvoll sind diese naiven Seelchen durchaus, überhaupt keine Frage…

Aus dem gleichen Lied stammt übrigens auch die Textzeile, mit der ich diese Kolumne sehr versöhnlich schließen kann. Dieses Zitat lautet „Das ist das Land der Vollidioten“, und wenn ich mir so die Besucherzahlen von Freiwild-Konzerten betrachte, dann könnte in dieser Aussage tatsächlich mehr als nur ein Körnchen Wahrheit stecken und ich bin dementsprechend durchaus bereit, diesem Punkt solidarisch zuzustimmen. Soll nochmal einer von der Gegenseite sagen, ich wäre nicht zu einer Annäherung bereit.


– Text: Jens Grotartig, Titelbild: Alina Brost

 

Weitere Glossen aus der Kolumne “Die groteske Weltanschauung”:

Gehirnflucht auf Germanisch

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Tierschützer, die Fleisch essen: Die Tierschutz-Supernanny

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Öffentlich-Rechtliches Fernsehen: Gebt der Meute, was sie nicht braucht

Dem bückenden Volke

Mulder? Ich bin’s…

Donkey Kong

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