Immun gegen jede Logik

Wieso Impfgegner die Meinung haben, die sie haben, haben wir bereits in einem Artikel erläutert (Klick mich). Doch aufgeregt über die irrationalen Äußerungen, welche Impfgegner manchmal von sich geben, haben wir uns noch nicht. Das übernimmt unser Experte für schriftliche Facepalms, sarkastische Statements und unverblümte Darstellungen, Jens Grotartig in „Die groteske Weltanschauung“.
Immun gegen jede Logik
  
Mit Impfungen halte ich es wie mit Versicherungen. Wer sich dort alles aufschwatzen lässt, der hat zu viel Geld, wer allerdings konsequent sogar die Haftpflichtvariante umgeht, könnte irgendwann vor den Scherben seiner Existenz stehen. Da heißt es halt genauestens überprüfen und von Fall zu Fall entscheiden. Deshalb bin ich beim Clash zwischen Impfgegnern und Impfbefürwortern in so einer Art neutralen Position, sozusagen besetze ich völlig groteunartgerecht die goldene Mitte.
 
Ich bin zum Beispiel sehr skeptisch, was eine Impfung gegen Peniskrebs anbelangt. Da geistert zur Zeit ein Artikel durch diverse Online-Plattformen, der diesbezüglich sogar eine Impfpflicht in den Raum stellt. Da kann weder annähernd ein Bedrohungsszenario vermittelt werden, noch wird erklärt, warum die normalen Verhütungsmethoden nicht ausreichen sollen, um sich vor so einem doch unangenehmen Untermieter zu schützen. Für mich ist das deshalb ein Fall von Impfhysterie. Um im Versicherungsbeispiel zu bleiben – Sozusagen der Schutz gegen Überschwemmungen im tiefsten Hinterland mit noch nicht mal einem Bachlauf in der näheren Umgebung. Oder anders ausgedrückt: Kann man vorbeugend machen, zwingend erforderlich ist das aber sicher nicht, solange man nicht ans Meer zieht.
 
Allerdings regen mich die Impfkritikern schon etwas mehr auf, einfach weil ihre Gespräche immer nach Schema F ablaufen. Das habe ich erst gestern wieder mitgemacht, als eine an sich nette FB-Bekanntschaft mal den Knüppel herausgeholt und damit alles weggedroschen hat, was thematisch als Pro-Impfen durchgehen könnte. Und es ist wirklich fast schon ulkig, dass ich den Ablauf aus reichhaltiger Erfahrung mit Impfgegnern nicht nur geahnt habe, sondern sogar garantiert hätte voraussagen können.
 
Das geht immer los, in dem man Impfstoffen direkt im Eingangsthread pauschal Killereigenschaften unterstellt. Je nach Zurechnungsfähigkeit des Gesprächspartners wird das dann noch als Teil einer Regierungsverschwörung herausgestrichen, mit denen Politiker/Illuminaten/Nazis von der dunklen Seite des Mondes gezielt ein Volk ausrotten/verdummen/unter Mind-Control stellen wollen.

Die vernünftigere, aber nicht weniger bizarre Version lautet, dass Trägerstoffe wie Aluminium nun mal per se tödlich sind. Seltsamerweise haben Impfgegner aber nur Probleme damit, solange es im Impfstoff vorkommt. Niemand geht gegen Muttermilch vor, überhaupt kommt gerade aus dem veganen Lager erstaunlich wenig Entrüstung darüber, dass dieses Zeug nun mal ziemlich reichhaltig direkt in der Erdkruste Virusvorkommt, und deshalb praktisch jede Erdfrucht für diese Warner und Mahner tabu sein müsste.

Nach diesem Hinweis ziehen sich die Kämpfer gegen die Impfapokalypse ruckzuck auf die Verteidigung zurück, dass das Aluminium in ihrer Kartoffel von der Dosierung her für den Menschen nicht schädlich sein kann. Das gilt zwar auch für den Impfstoff, aber das sollte man nicht zu sehr unterstreichen, denn dann geht ja das schöne Hui-Buh-DIE-CIA-WILL-UNS-GEZIELT-MIT-IMPFUNGEN-UND-FLUORID-ZAHNPASTA-AUSROTTEN-Argument flöten.

Im Verlauf des Threads kommt dann auch verstärkt die Knalleransage schlechthin auf diesem Gebiet. Die lautet: „Warum haben geimpfte Leute Probleme mit ungeimpften, sie sind doch geschützt!“ Das wird richtiggehend zelebriert, gerne gleich mehrmals in den Raum gestellt und einfach als selbsterklärendes Non Plus Ultra angebetet.

Allein in der vergangenen Woche musste ich zigmal lesen, dass Impfgegner den Tod des Babys, das in Berlin an Masern gestorben ist, triumphierend auf die Herzschwäche des Kindes geschoben haben, sich gegenseitig mit High-Fives abklatschen und dann genüßlich davon ausgehen, dass sie mit diesem Einwurf den selbsterklärenden Hinweis des Jahrzehnts abgesondert haben.

Dabei haben sie nur unterstrichen, warum Impfungen wichtig sind und nur funktionieren, wenn sie einigermaßen flächendeckend sind. Wenn das nämlich gewährleistet ist, dann sind auch die Menschen besser geschützt, die nicht geimpft werden können. Eben Babys wegen ihrem Alter, gesundheitlich Gehandicapte wegen ihrem stotternden Immunsystem oder auch stinknormale Allergiker. Die könnten sich theoretisch einigermaßen beruhigt darauf verlassen, dass sie so ein Virus nicht erreicht, wenn sie in einer Gemeinschaft ohne Überträger bzw. mit deutlich verminderter Überträgerzahl leben würden.

In Berlin scheißen aber viele Leute auf Impfungen. Die stellen sich ihn, tönen etwas davon, dass IHR Kind wegen seinem intakten Immunsystem nicht an Masern stirbt und es ihnen deshalb vollkommen egal ist, ob sich ihre Brut diese Krankheit fängt und überträgt. Interessierte können sich da ruhig die entsprechenden Kommentare durchlesen, da geht es ständig nur um „Mein Kind“, „Meine Entscheidung“ und ganz viel „Ichichich!“.

Wenn in so einem Szenario ein Kind mit einem Herzfehler auftaucht, ist es halt chancenlos. Die Masern werden übertragen, den Verantwortlichen ist das aber total Latte, da ihr Kind nur ein paar Punkte im Gesicht bekommt und nach etwas Bettruhe wieder auf dem Damm ist. Im Gegenteil dazu stellen sich die Leute, die diese Infektion freundlich zur Verfügung gestellt haben, sogar hin und verkünden, dass das fremde Balg nicht nur an den Masern krepiert ist, sondern weil es zusätzlich einen Herzfehler hatte und das ja nun wirklich unter „Eigene Schuld“ läuft. Warum kommt es auch kaputt zur Welt?

Eigentlich muss man sich aber gar nicht die Mühe machen auf so etwas hinzuweisen, denn an dieser Antwort ist kein wackerer Impfkritiker interessiert, also wird die totgeschwiegen bzw. übergegangen, und man holt lieber die letzte nicht zu verteidigende Superwaffe heraus, indem man einfach in den Thread brüllt, dass Impfen garantiert tödlich ist und außerdem völlig wirkungslos. Das Ganze untermauert man mit ein paar selbstgebastelten Memes, da die Dinger ja nun wirklich nicht lügen können und deshalb als ultimativer Endbeweis durchgehen.

Fragt ein Naivling/Regierungstreuer/Mitverschwörer/Endgegner im Metal-Gear-Solid-Format wie ich dann trotzdem frech nach Links, die diese doch gewagten Thesen untermauern, wird dieser entweder aufgefordert, doch selber im Internet zu forschen, da „die Wahrheit“ echt massiv online Spritzegestellt wurde, zwar nicht unbedingt von Instituten oder anderen auch nur ansatzweise seriösen Quellen, dafür aber um so mehr von privaten Blogs und Internetseiten, deren Betreiber sich sogar vereinzelt einen Doktortitel ins Impressum gesemmelt haben und deshalb definitiv Recht haben müssen.

Oder es setzt direkt ein Regen aus Link-Verweisen ein, bevorzugt vom Zentrum der Gesundheit, dem Kopp-Verlag, den deutschen Wirtschafts Nachrichten (sic), dem Bibi-Blocksberg-Memorial und anderen Vereinigungen/Veröffentlichungen mit der massiven Glaubwürdigkeit, die normale Menschen nur nach 3 Flaschen Absinth oder einem Haschischbrocken im Twix-Format auf Ex erreichen.

Wenn man sich damit dann frecherweise auch nicht zufrieden gibt, dann ist man ein hoffnungsloser Fall und wird wahrscheinlich nächste Woche sterben. Whatever … Ist eigentlich auch alles gar nicht so schlimm, wenn wir nicht in der bizarren Situation leben würden, dass diese Leute nur ihre wirren Überlegungen Gassi führen können, eben weil die großen Epidemien aufgrund von Impfstoffen ins tiefste Mittelalter gehören und da hoffentlich auch bleiben. Das macht die Sache dann zumindest bemerkenswert.

Für mich ist aber das wirklich Obszöne an dem ganzen Spektakel, dass sich in meinem Bekanntenkreis auch ungeheuer viele Leute daran beteiligen, die Fleischessern in Dauerschleife ihre unempathische und egoistische Lebensweise vorwerfen, für die andere sterben müssen. Das ist dann endgültig Meckern auf Niveau in Wadenhöhe und kann eigentlich nicht mehr ernst genommen werden.


– Text: Jens Grotartig, Titelbild: Alina Brost

 

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