Eine Veranlagung ist kein Verbrechen. Aber Vergewaltigung ist es

Wenn es ein Kolumnenthema gibt, das hochoffiziell als soziales Brennnesselfeld anerkannt ist, bei dem man sich jede Art von rhetorischer Arschbombe verkneifen sollte, dann ist das sicher ein Text über Pädophilie. Zumindest in einer Version, die nicht blind nach Blut schreit, Köpfe fordert und die Zeiten der Inquisition wiederauferstehen lässt. Zurzeit kommt man aber wegen dem Edathy-Fall kaum um eine Beschäftigung herum, also bitte ich den wütenden Mob nochmal kurz die Mistgabeln zu richten, den Teer und die Federn zu überprüfen und den Galgenstrick perfekt zu justieren. Ich bin dann nämlich so weit und werde meine Bewerbung zur öffentlichen Hinrichtung mit den folgenden Zeilen einreichen.

 

Gleich zu Anfang will ich allerdings darauf hinweisen, dass ich mit dem Edathy-Urteil nicht mal ansatzweise zufrieden bin. Ein Mann, der mit haufenweise Kinderpornographie auf dem privaten PC erwischt wurde, darf sich vor Gericht nicht freikaufen dürfen. Schon gar nicht, wenn die Sache förmlich nach Geschmäckle schreit, da es sich um einen Politiker mit der entsprechenden Vetternwirtschaft im Rücken handelt.

Kinderpornographie ist etwas Widerliches. Im schlimmsten Fall werden dabei Kinder schwer misshandelt, und selbst beim leichtesten Fall wurde einem Minderjährigen noch immer die Würde genommen, ohne dass er die Konsequenzen für seine Zukunft auch nur abschätzen kann. Zusammengefasst werden durch diese Verbrechen Kinderseelen nachhaltig zerstört, was sowohl für die betroffenen Opfer, als aber auch für ihr gegenwärtiges und zukünftiges Umfeld ein schwerwiegendes Problem darstellen kann, wenn nicht sogar muss.

Wer immer sich daran beteiligt, der darf sich von dieser Schuld sicher nicht freikaufen dürfen. Schon gar nicht darf er danach als nicht vorbestraft gelten. Solche Leuten gehören therapiert, wenn sie dazu nicht freiwillig bewegt werden können, dann muss man darauf sogar sehr nachdrücklich per Zwang bestehen. Sprich solche Menschen sollten erst wieder in eine Gesellschaft integriert werden, sobald sie gelernt haben, mit ihren Trieben umzugehen.

So ein Vorfall ist aber definitiv kein Grund, um wieder nach der Todesstrafe zu brüllen und sich beim Stammtisch, in sozialen Netzwerken und per Montagsdemo gegenseitig mit der Forderung nach hochperversen Folterungsmethoden zu überbieten.

Die Sache mit der Todesstrafe ist eine ziemlich klebrige Angelegenheit. Wenn ein Land so etwas in seiner Verfassung anbietet, dann zeigt es damit nur, dass es noch nicht vollständig in der Zivilisation angekommen ist. Immerhin hat der Gedanke seinen Ursprung im Alten Testament, hieß damals noch „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, und sollte gerade für intelligente Menschen nach über 2.000 Jahren doch mal langsam sein Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht haben.

Damit aber nicht genug, das wirklich Uncoole an der Todesstrafe ist, dass sich niemand darauf verlassen kann, dass sie nach den persönlich geltenden moralischen Maßstäben angesetzt wird. Da kann man mit ein bisschen Pech jederzeit selber vor dem Schafott stehen, wenn nur die falschen Leute die Richtlinien festgesetzt haben.

Wenn mich zum Beispiel jemand fragt, was das schlimmste Verbrechen ist, das ich mir vorstellen kann, dann würde ich immer den vorsätzlichen Mord an Menschen und anderen Tieren zu Protokoll geben. Gerade der Zusatz würde somit alle braven Tiertöter und -esser schwer in die Bredouille bringen. Eine Freundin von mir würde sehr wahrscheinlich bei dieser Befragung die Ausbeutung von Kindern als absolutes No-Go deklarieren. Dementsprechend würden in diesem Szenario alle Primark-Kunden und Nestle-Konsumenten vor den Toren der Stadt baumeln. Da kann ich echt nur einen unbeholfen Anglizismus herauskramen, indem ich sowohl mahnend als auch angeberisch „Be careful what you wish for“ gen Leser loslasse.

Die Todesstrafe ist also im Fazit nur etwas für Menschen, bei denen logische Denkprozesse nicht allzu en vogue sind, allerdings hält dieser ganze Komplex noch ein weiteres Minenfeld bereit. Das ist der Zusammenhang zwischen einem Kindervergewaltiger und einem Pädophilen, den viele Leute als verbindlich ansehen.

Das ist aber ein noch größerer geistiger Offenbarungseid als ein „Gefällt mir“-Klick bei der Facebookgruppe „Todesstrafe jetzt!“. Jeder Mensch sollte einfach froh sein, wenn er auf die Welt gekommen ist und Menschen anziehend findet, bei denen das vom Massendenken her in Ordnung geht. So etwas sucht man sich nämlich nicht am Himmelsaltar aus, sondern man bekommt es einfach ins Gemüt gedrückt. Da gibt es keine Pläne ala „Jetzt schocke ich meine Eltern und werde schwul“ oder „Ich will mal fies herüberkommen und hätte deshalb gerne den doppelten Kleine-Jungs-gut-find-Drink!“ Und wenn man so etwas abgeräumt hat, muss man damit leben. Jeder Heterosexuelle kann mal gerne versuchen, auf Ansage homosexuelle Neigungen zu entwickeln. Das wird echt eine Mammutaufgabe, die bei den meisten Menschen wohl unter unmöglich fällt.

Die Pädophilie ist auch eine sexuelle Neigung, die ein Gott mit sehr krankem Humor seinem Schäfchen mit auf den Weg gegeben hat. Der Unterschied zu normalen Sexualitätsauslebungen wie bei einem Homo- oder Heterostatus ist nur, dass der Pädophile niemals seinen Drang ausleben darf, da seine Partner noch keine freie Entscheidung treffen können bzw. die Konsequenzen nicht einordnen können.

Allerdings ist ein Pädophiler, der sich trotzdem an einem Kind vergeht, gleichzusetzen mit einem Hetero- oder Homosexuellen, der einen anderen Menschen vergewaltigt. Natürlich gehört so etwas dann bestraft, sogar hart bestraft. Aber genausowenig wie alle Hetero- und Homosexuellen wegen der Existenz von Vergewaltigern selber pauschal Vergewaltiger sind, sind Pädophile aufgrund der Existenz von Kindesmisshandlern selber Kindesmisshandler. Und dementsprechend ist ein Aufruf zum Lynchmob aufgrund eines Outings ziemlich widerlich. Und darum geht es hier doch. Edathy gehört bestraft, deutlich mehr als jetzt erfolgt, keine Frage. Aber er gehört weder auf den Scheiterhaufen, noch ist er ein Kindervergewaltiger.

Zumal die ganze Chose auch noch eine weitere Tatsache bereit hält: Nicht jeder, der Gewalt an Kindern ausübt, ist nämlich pädophil. Da gibt es durchaus Bewohner von Arschlochhausen, die einfach an einer Machtdemonstration interessiert sind und sich deshalb bevorzugt an den Schwächsten der Schwachen vergreifen. Wer also nach dem Motto „Pädophil = Kinderschänder“ lebt, der darf jetzt mal aufgrund der Existenz von heterosexuellen Kindervergewaltigern sein Pauschalisierungsbuch überarbeiten. Da könnte es wohl Tränen geben, vielleicht rettet sich der Kandidat dann ja in die naheliegende Einsicht, dass ein Mensch erst zum Verbrecher wird, wenn er aktiv handelt, und vor allem dämmert es ihm hoffentlich, dass man Menschen nicht nach allzu groben Mustern eine Perversität und ihre Auslebung unterstellen sollte.

Das Schlimmste an dieser ganzen Denkweise ist nämlich der letzte Punkt, den ich zu bedenken geben möchte. Wenn in dieser Gesellschaft Pädophile nicht als Menschen besetzt sind, denen man helfen muss, sondern als Monster, die vor Ort standrechtlich erschossen gehören, wer rechnet dann ernsthaft damit, dass diese Leute sich trauen, irgendwo Hilfe zu suchen? Wer kommt schon zu der Einsicht, dass er mit seinen Trieben alleine überfordert ist und deshalb unbedingt den Kontakt zu anderen Leuten suchen muss, die ihm deswegen die gesamte Existenz ruinieren werden.

So gesehen könnte der aufgedrehte Mob in den Straßen sogar in letzter Konsequenz mitverantwortlich für jeden Fall von Kinderpornographie und sogar Kindesmisshandlung sein. Denn diese Leute sorgen mit ihrem unreflektierten Hass letztendlich dafür, dass sich mancher Pädophile alleine seiner kranken Veranlagung stellt, darüber dann die Kontrolle verliert und schließlich zum Täter wird.

Ich bin mir sicher, dass die Kinderpornographie und all ihre ekelhaften Ausläufer deutlich zurückgehen würde, wenn man Pädophilen ganz selbstverständlich andere, therapeutische Ventile zur Verfügung stellen und ihnen vor allem nach ihrem Outing nicht verbindlich das eigene Leben in der Scherbenversion vor die Füße schleudern würde. Das wäre definitiv auch um einiges nachhaltiger als der Ruf nach Blut, Folter und der Todesstrafe. Und vor allem zivilisierter.


– Text: Jens Grotartig

 

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