Die groteske Weltanschauung: Donkey Kong

In der Kolumne “Die groteske Weltanschauung” kommen alle Undinge vor, die man so in Deutschland, der Welt und in den sozialen Medien findet. Diesmal amüsiert sich Jens Grotartig über bestimmte hominide Primaten. Und was für absurde Tagesabläufe und Gewohnheiten diese haben.

 Flohexperten

Der Affe steht auf. Das tut er nicht, weil er ausgeruht genug ist, sondern weil ein Gerät, das er sich freiwillig angeschafft hat, so einen Lärm veranstaltet, dass er nicht mehr weiterschlafen kann. Dieses bizarre Ding hat er sogar selber auf die Störung der Nachtruhe programmiert. Denn der Affe hat keine Zeit mehr, um seine Müdigkeit auf natürliche Art und Weise zu bekämpfen.

Diese Zeiteinteilung hat irgendwann ein Mitaffe ersonnen. Eigentlich ist diese Erfindung kompletter Unsinn, denn der Primat hat einfach nur bemerkt, dass sich der Planet, auf dem er lebt, bewegt, und so seine Regionen der Sonne, um die er sich dreht, mal zugewandt sind und mal nicht, was zu hellen und dunklen Phasen auf seiner Welt führt.

Diese physikalische Bewegung hat der historische Affe in Längen eingeteilt, das Ganze recht ketzerisch „Zeit“ genannt und so etwas erschaffen, mit dem sich alle Affen bis in die Gegenwart immens unter Druck setzen können und das auch tun. Denn so wurden die Termine erschaffen, manche fix, manche variabel, aber alle vereint in der Tatsache, dass sie Stress verursachen und Hektik heraufbeschwören.

Manchmal, nur manchmal, wundert sich der Affe darüber, dass er morgens immer müde ist und abends nicht einschlafen kann. Das ist für ihn aber meistens nur ein Zeichen, einfach früher ins Bett zu gehen, um sich so ausgeruhter irgendwann mitten in der Nacht von seinem Lärmverursacher aus den Schlaf reißen zu lassen.

Jetzt zieht sich der Affe an. Das tut er unabhängig von den Jahreszeiten, selbst in heißen Perioden hüllt er sich noch in Stoff, denn vor Urzeiten hat die Affenzivilisation ein Schamgefühl traditionell im Massenbewusstsein verankert.

Dieses Schamgefühl lenkt inzwischen die komplette Affenbevölkerung, denn durch seine Befriedigung hat sich auch die Fähigkeit und vor allem der Wille gebildet, andere Affen zu beurteilen. So richtet der moderne Affe täglich über das Aussehen anderer Kleidung, aber auch gerne über die Beschaffenheit des so versteckten Körpers. Auf diese Weise wird sogar versucht, verbindliche Schönheitsideale zu erschaffen, die über das Wohl und Wehe der kritisierten Affen entscheiden.

Inzwischen gibt es massenweise Affen, die nicht mehr über ihr Können und ihr Talent eingeordnet werden, sondern lediglich über ihren Kleidungsstil und ihre sonstige äußerliche Erscheinung. Diese Affen haben es sogar bis in hohe Machtpositionen der Primatengesellschaft hinein geschafft, dort sind sie sogar verstärkt anzutreffen. Überhaupt gilt es in fast jedem unfreiwillig gebildeten Affenkollektiv als Usus, dass nur entsprechend gekleidete Mitglieder eine Chance auf eine sogenannte Karriere haben. Wer sich diesem Schema durch einen individuellen Kleidungsstil widersetzt, kann zwar immer noch über ein außergewöhnliches Talent punkten. Meist wird das aber gar nicht mehr angehört und so auch niemals wahrgenommen, da der Kandidat es nicht äußerlich mit dem Anlegen bestimmter Stofffetzen gerade im Halsbereich angezeigt hat.

Der Affe isst nun sein Müsli. Dafür benutzt er die Muttermilch anderer Wesen, die für ihn eigentlich sehr schädlich ist. Das stört den Affen aber nicht weiter, denn in Sachen Nahrung macht er sich keine eigenen Gedanken, sondern orientiert sich streng am Konsumverhalten anderer Affen. Dieses Massendenken wird von den Nahrungsherstellern gelenkt, die mit eben dieser Herstellung ihren Lebensunterhalt verdienen.

Natürlich zählt da schon längst nicht mehr die Gesundheit der konsumierenden Affen, sondern nur noch das Erreichen des maximalen Gewinns mit Waren, die die Affen schon immer gegessen haben, deshalb traditionell anerkannt sind und eine entsprechend hohe Verbrauchermasse nachweisen können. Ist diese Tradition und der Mehrheitsaspekt gewährleistet, dann interessiert es nur noch die wenigsten Affen, dass durch diese Versorgung auch eigene Krankheitsbilder kreiert werden und sich sogenannte Volkskrankheiten etablieren können. Auch grausame Hintergründe in der Herstellung dieser Nahrung werden nicht mehr hinterfragt. Diese Fragen werden erst aufkommen, wenn die Hersteller sie via normaler Massensuggestion über diverse Medien in das Affenvolk geben. Was aber niemals geschehen wird, solange die Gewinnspanne stimmt und die Affen brav konsumieren, was man ihnen in Dauerschleife einprogrammiert.

Nun wird es Zeit für den Affen, zu seinem Automobil zu gehen. Mit diesem Gerät schafft es der moderne Affe, den Pseudo-Zeitbegriff effektiv zu befriedigen, denn mit Hilfe dieses Fahrzeugs kann er schneller von A nach B kommen. Dafür hat er inzwischen auch fast den ganzen Dschungel mit Beton zugemauert, denn diese Fahrzeuge kann man nur benutzen, indem man ein riesiges Straßensystem, Parkplätze, Garagen und andere Bauten anlegt.

Diese sogenannte Infrastruktur ist einer der Hauptauslöser für einen immer präsenter werdenden finalen Herzinfarkt der Natur, die mehr und mehr zu Gunsten von Plastik, Stahl und Beton zurückgedrängt wird. Das stört den Affen aber nicht, denn er engagiert sich prinzipiell nur für Umweltschutzaspekte, die seinen persönlichen Lebensstil nicht angreifen. Natürlich wird das nichts bringen, das ist dem Affen aber auch im Grunde genommen egal, denn Interesse hat er sowieso nur daran, dass seine Welt erst umkippt, wenn er nicht mehr existiert.

Mit seinem Automobil erreicht der Affe dann seine Arbeitsstelle. Das ist ein Ort, den er besuchen muss, um dort Geld zu verdienen. Hin und wieder gibt es auch Affen, die angeben, diese Frequentierung auf freiwilliger Basis durchzuführen. Seltsamerweise sieht man aber auch diese Vertreter nur solange in der sogenannten Firma, wie sie Geld dafür bekommen. Wenn man ihre Leistungen nicht mehr bezahlen würde, wäre das auch das Ende ihrer pseudo-freiwilligen Besuche. Im Grunde genommen kommt ein Urteil über die eigene berufliche Tätigkeit also darauf an, wie gut man sich selbst belügen kann.

Das Geld ist Hauptbestandteil eines sehr seltsamen Systems. Denn es ist Affen untersagt, sich einfach zu nehmen, was sie zum Leben benötigen. Deshalb wurde eben dieses Geldsystem eingeführt, durch das Affen für moderne Sklavenleistungen Metallstücke und Papier erhalten. Diese Dinge haben bestimmte Wertigkeiten und können gegen Nahrungsmittel eingetauscht werden.

Eingeführt wurde dieses Prinzip, weil es inzwischen viel zu viele Affen auf dieser Welt gibt und die Nahrung nicht für alle reichen würde, wenn sich jeder nähme, was er benötigt. So wurde dieser Zugriff via Geldsystem eingeschränkt. Natürlich klappt das vorne und hinten nicht, denn die Möglichkeiten zum Geld erwirtschaften sind längst nicht für jeden Affen zugänglich. So reicht die Nahrung noch immer nicht für alle und Millionen Affen krepieren einfach an der Kälte einer kapitalistischen Gesellschaft, die selber auch nur eine Variante des so verteufelten „Recht des Stärkeren“-Prinzips ist.

Das ist den Affen aber wieder egal, denn auch hier kommt das fremdgesteuerte Massedenken und eine gehörige Portion natürlicher Egoismus zum Tragen. Im Grunde beschäftigen sich alle Affen weltweit nur mit zwei Fragen. Das wäre zum einen, warum man ein System verändern sollte, das jetzt schon seit Jahrhunderten besteht und das einem selber genug Mittel zum Führen einer menschenwürdigen Existenz in den eigenen, teilweise freiwillig sehr eingeschränkten Massstäben zur Verfügung stellt. Und zum anderen, wie man als Einzelner gegen ein System, das einem diese Existenz eben nicht ermöglicht, vorgehen sollte. So begnügen sich die einen, während die anderen still krepieren, egal zu welcher Seite der Affe auch gehört, beide tragen das eigentliche System.

Wenn der Affe irgendwann seine Arbeit beendet hat, geniesst er so gut wie möglich seine Freizeit. Diese ist zwar von der gewährten Länge her ein besserer Witz, aber dagegen lehnt sich kein Affe auf. Dafür gibt es einfach auch zu viele Affen, die keine Sklaven sein dürfen, deshalb nicht im Geldsystem verankert sind und so abschreckende Beispiele bilden, die alle anderen Affen praktischerweise in diesem System halten. Die Freizeit wird dann mehr oder weniger verschenkt, indem der Affe vor diversen Medien sitzt, immer auf der Suche nach einem Kick, der ihn davon ablenkt, dass morgen früh ein weiterer Standardtag anfängt. Tage, die inzwischen so genormt verlaufen, dass der Affe sie kaum mehr auseinanderhalten kann. Irgendwann bemerkt er dann, dass wieder ein Jahr vorüber ist und wundert sich darüber, wie schnell die Zeit vergeht, wenn man tagtäglich immer schlechter gemachte Kopien des Vorgänger durchlebt.

Darüber denkt der Affe aber nie länger nach, denn schnell ist auch wieder die Bettruhe angesagt, da für den nächsten Morgen der Krachmacher schon programmiert wurde. Also legt sich der Affe ins Bett und träumt vielleicht davon, wie sehr er es geschafft hat, sich zu zivilisieren und wie stark er dadurch per Selbsteinschätzung den anderen Tieren überlegen ist. Tiere, die sich in kein fremdgesteuertes Korsett zwingen lassen, solange der Affe sie nicht dazu nötigt, die absolut frei in ihren Entscheidungen sind und so in jeder wilden Variante das zufriedene und erfüllte Leben führen, dem die selbsternannte Krone der Schöpfung während ihrer kompletten Existenz hinterher jagt, um es doch nie zu erreichen. Und wer das natürliche Verhalten dieser Krone kennt, der weiß auch, dass diese endlose und selbstzerstörerische Jagd wahrscheinlich eine der ganz großen Gerechtigkeiten auf dieser Welt darstellt.


 – Text: Jens Grotartig, Titelbild: Alina Brost

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