Die groteske Weltanschauung: Dem bückenden Volke

Jens Grotartig hat einige Dinge klar zu stellen. In seiner Kolumne “Die groteske Weltanschauung” schreibt er über alle Undinge, die man so in Deutschland und in den sozialen Medien findet und erteilt ihnen eine gehörige Abfuhr. Diesmal sind Ungerechtigkeiten bei Politikerdiäten und die Verquickung von Wirtschaft und Politik Ziel seiner Tiraden.

 Bückendem Volke

Im Nachhinein hat sich meine Kündigung doch als ziemlicher Schnellschuss herauskristallisiert. Damit stelle ich natürlich nicht die Konsequenz dieser Aktion in Frage, diesbezüglich bin ich nach wie vor der Meinung, dass ich meine 23jährige Bürokarriere circa 25 Jahre zu spät durch den persönlichen Lebenslokus gespült habe. Zwar weise ich da noch immer Amnesty International eine Teilschuld zu, weil diese Leute das deutsche Pendant zur chinesischen Wasserfolter, in Expertenkreisen unter dem Pseudonym „Anlagenbuchhaltung“ bekannt, viel zu sehr bagatellisieren und deswegen schon reflexartig wegsehen, wenn unschuldige Opfer mit Buchungsbelegen, Akten und anderen Ausgeburten eines kranken Geistes auf brutalste Art und Weise malträtiert werden. Aber selbstverständlich will ich den Großteil der Verantwortung gar nicht in fremde Schuhe schieben, dass ich erst jetzt die Reißleine ziehe und so mein persönliches GuanAnlago Bay gefühlte 300 Jahre zu spät verlasse, ist allein mein Eigenverschulden.

Allerdings ärgere ich mich definitiv noch mehr darüber, dass ich das Wie dieses Abgangs ebenfalls komplett in die Fritten gesetzt habe. Da schreibe ich Idiot doch tatsächlich eine Kündigung und händige die meiner Personalabteilung aus, als Resultat bin ich nicht nur ab Juli meinen Broterwerb los, ich bekomme obendrauf auch noch eine dreimonatige Sperre des Arbeitslosengelds. Und dabei hätte ich mit ein bisschen Konzentration nicht nur diese temporäre Unterstützungsverweigerung verhindern können, darüber hinaus stand sogar die Möglichkeit im Raum, auf einen Schlag alle gegenwärtigen und zukünftigen Geldprobleme ad acta zu legen. Ich würde mir wirklich vor Wut am liebsten in den Hintern beißen, aber noch nicht mal das kann ich, da ich weder Hollywoodstar noch Cyborg bin, deshalb meinen Arsch noch nicht ausgetauscht habe und er sich deshalb als nicht abschraubbar präsentiert.

Es wäre wirklich so einfach gewesen. Ich hätte nur eine Pressekonferenz geben müssen, um so möglichst vielen Medienvertretern mitzuteilen, dass ich soeben meinen Geschäftsführer darüber informiert habe, mit sofortiger Wirkung von meinem Amt als Anlagenbuchhalter zurückzutreten. Danach hätte ich nicht nur Anspruch auf eine unverschämte Mondrente gehabt, mir wären auch noch Stellen in irgendwelchen Aufsichtsräten beliebiger Wirtschaftsunternehmen quasi hinterhergeschmissen worden, nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass es mir beim Geldzählen auf Hawaii doch mal überraschend langweilig werden sollte und ich mir alternativ irgendwo gegen Goldbarren den Allerwertesten breit sitzen möchte.

Na gut, zugegeben stellt sich die Sache mit dem Abkassierposten für mich persönlich nicht ganz so rosig dar. Meinen einzigen Kontakt ins Wirtschaftsmetier stellt die „Kornkammer“ dar, eine Eckkneipe zwei Straßenzüge von meiner Wohnung entfernt. Da bin ich mir nicht mal sicher, ob dort überhaupt ein Aufsichtsrat existiert, im Zweifelsfall bin ich aber auch sowieso davon überzeugt, dass man für diese Stelle ohne Qualifikationen wie eine Leberzirrhose gar nicht erst vorsprechen muss. Und dieses Zertifikat kann ich definitiv vergessen, schon allein weil meine erst kürzlich angelaufenen Weiterbildungen mit diversen Flaschen Jägermeister alles andere als erfolgreich über die Bühne gegangen sind, ehrlich gesagt kann ich mich an den Großteil der Inhalte dieser privaten Saufseminare nicht mal mehr erinnern.

Das wäre jedoch völlig egal gewesen, denn diese Jobalternative ist ja sowieso nur als Gegenmittel für akut auftretende Langeweile gedacht, und diese kann ich mir bei meiner ausufernden Wrestling-Videothek und meinen ungelesenen Romanen, die mittlerweile ganze Schränke füllen, sowieso nicht vorstellen. Zumal ich nach meinem Rücktritt auch direkt zum reichsten Mann der Welt mutiert wäre. Meine diesbezüglichen Vorbilder waren alle nur wenige Monate in ihrem Amt und setzten sich trotzdem mit 6stelligen Renten vorerst zur Ruhe. Wenn man dieses Schema auf meine 23 Jahre Knochenmühle hochrechnet und entsprechend auszahlt, dann hätte ich sehr wahrscheinlich ab Juli Bill Gates die eine oder andere Millionen aus meiner Portokasse zugesteckt, einfach weil seine Finanzverhältnisse mir im direkten Vergleich so bemitleidenswert vorgekommen wären.

Aber was hilft mir jetzt das ganze „Hätte, hätte, Fahrradkette“-Spielchen? Ich habe ja blöderweise gekündigt und deshalb diese Kuh praktisch freiwillig vom Eis gepfeffert. Als einzige Verteidigung kann ich da vor meinem rebellierenden Unterbewusstsein lediglich ins Feld führen, dass die von mir beschriebene Vorgehensweise sowieso nur für Politiker in Frage kommt, die vorher irgendein Kapitalverbrechen begangen oder in ihrem Job komplett versagt haben. Und ich bin erstens immer ehrlich gewesen und hatte zweitens mein Aufgabengebiet absolut im Griff. Ich weiß, schön blöd, jetzt wo ich es aufschreibe, fällt es mir auch wie Schuppen von den Augen.

Eigentlich schreit dieser Blog zwischen den Zeilen danach, doch einfach in die Politik zu gehen, mittlerweile würde ich mir die dazugehörige Skrupellosigkeit und Abstaubmentalität auch durchaus zutrauen. Und mehr braucht es echt nicht für eine solide Laufbahn in der politischen Manege, die nur noch aus Imagegründen als zermürbendes Haifischbecken verkauft wird, aber schon längst nur noch einen ruhigen Karpfenteich darstellt. Ich schreibe irgendwo eine Doktorarbeit ab oder kaufe mir diesen Titel im Ostblock, dann trete ich in die richtige Partei ein, halte da über ein paar Jahre die eine oder andere schlaue Rede und springe am höchsten, wenn irgendwann die Ministerposten nach Fischmarktregeln in die Fraktion geschmissen werden, indem ich möglichst medienwirksam „Hier“ schreie.

Wer das jetzt für naiv oder übertrieben hält, der soll mir bitteschön erklären, warum Ursula von der Leyen zur Verteidigungsministerin berufen wurde. Diese Frau hat sich doch nicht durch Fachwissen aufgedrängt. Da ist der alte Posten bei den Regierungsverhandlungen an den Koalitionspartner gegangen, also musste die Frau irgendwo unterkommen. Ergo werden auf dem Flur zwei Namensschilder ausgetauscht und die Reiserouten werden angepasst, je nach Engagement liegt auch noch ein Fernkurs „Menschen verheizen leicht gemacht“ im Bereich des Möglichen, aber den nimmt man auch nur mit, wenn es sich in den Medien gut verkaufen lässt.

Dass ich das Zeug zum Außenminister habe, war mir schon immer klar, ist mir aber erst durch die Ukraine-Krise richtig bewusst geworden. Was leistet Herr Steinmeier denn Großartiges, außer dass er durch die Weltgeschichte düst, ständig eine wichtige Fresse zieht und nickend bzw. kopfschüttelnd irgendwelche Reden von ausländischen Kollegen kommentiert? Die Regeln im internationalen Machtspiel stehen unverrückbar fest, da gibt es auch keinen Spielraum, also zieht man sich am Vorabend der Vereidigung mit dem Schmöker „Warum ich Putin, Obama und anderen Paten nicht spürbar in die Eier treten darf, egal was für Menschenrechtsverletzungen diese austüfteln“ vor den Kamin der eigenen Villa zurück, säuft sich die Paragraphen mit drei, vier Flaschen Asbach Uralt schön und schwört dann am nächsten Morgen eine brave Marionette zu sein, so wahr Gepetto einem helfe.

Und diese Beispiele ziehen sich durch die komplette Politlandschaft. Wir leben in einem Land, in dem eine Frau ohne jedes Wahlprogramm Kanzlerin geworden ist und dieses Nichts jetzt konsequent durchzieht, einfach indem sie keinerlei Entscheidungen trifft. Wer möchte mir vor diesem Hintergrund ernsthaft erzählen, dass man für diese Schmarotzerei auf Kosten des Volkes irgendwelche Qualifikationen braucht, die nicht jeder beherrscht oder die es nicht bei Aldi im Mittwochssonderangebot gibt?

Beim Wort „Schmarotzerei“ wird es dann richtig ekelhaft, denn eine gute Politik wäre auch noch so einfach zu erreichen. Uruguay hatte einen Präsidenten, der wie ein ganz normaler

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Von: http://pixabay.com

Bauer lebte. Da kann man gerne mal googeln, staunen und sich dann hoffentlich überlegen, was so eine Demonstration für ein Veränderungspotential birgt. Wenn hier in Deutschland, in Europa und auf der Welt die Politiker keine astronomischen Monatsbezüge erhalten würden, sondern im Gegenteil das kleinste Gehalt im Staat zur Verfügung hätten, dann würde es den Großteil der sozialen Probleme überhaupt nicht geben. Denn in diesem Szenario würden diese Leute dafür sorgen, dass niemand im Land irgendwelche Existenzängste haben muss, eben weil sie selbst als erste davon betroffen wären. Die Schröder-Mafia hätte niemals den Hartz-4-Menschenrechtsverstoß verabschiedet, wenn sie selber von diesen Bezügen hätten leben müssen. So ein Verzichtlevel ist immer nur gewaltig, solange es fremdgesteuert wird. Wenn über den eigenen Arsch verhandelt wird, dann finden sich ruckzuck befriedigende Lösungen, das kann ich versprechen.

Unter diesen Bedingungen würde es gar keine Leute in die Politik ziehen, die dort lediglich eine gute Möglichkeit zum abkassieren sehen, sondern es gäbe nur Kandidaten, die tatsächlich politisch agieren möchten. Das Ganze dann unter umgekehrten Vorzeichen, denn heutzutage gehören die Politiker ausnahmslos zu den Bonzen und machen ergo Bonzenklientelpolitik, würden sie zu der ärmsten Schicht im Land gehören, würden sie automatisch ihr Augenmerk auf die sozialen Brandherde richten und verstärkt dafür sorgen, dass in diesem finanziell mehr als fett aufgestellten Staat die soziale Schere nahezu geschlossen ist und so jedem ein anständiges und würdevolles Leben ermöglicht wird.

Dadurch würde mit den Existenzängsten der Menschen auch die Suche nach Sündenböcken sicher nicht ganz, aber auf jeden Fall verstärkt ad acta gelegt werden können. Das wäre wiederum ein Bugtreffer hart an der Wasserlinie für den Rassismus und jede andere Form der Unterdrückung, denn wenn es Menschen gut geht, müssen sie sich auch keine künstlichen und vor allem schwächeren Feindbilder aufschwatzen lassen, an denen sie ihren Frust auslassen können.

Mir ist schon klar, dass das Ganze leichter gesagt als getan wäre, aber das sich eine deutliche Verbesserung durch so eine Maßnahme ableiten lassen würde, steht außer Frage. Überhaupt sollten Kritiker nicht vergessen, unter welchem Vorwand dieses Modell nicht gefahren wird und die Politiker stattdessen ihre finanziell völlig außer Kontrolle geratenen Diäten selbst festlegen und auch einstreichen dürfen. Das soll sie unabhängig von Wirtschaftsinteressen machen und jeder Art von Bestechung vorbeugen. Und wer an dieser Stelle nicht laut auflacht, hat wirklich überhaupt nicht verstanden, wie moderne Klientelpolitik betrieben wird. Weltweit werden politisch ausschließlich Lobbygruppen bedient, die Politikerprostituierten beziehen also ihre Mondgehälter und bücken sich trotzdem für jeden Wirtschaftsfreier, wenn der genug Geld via Parteispende springen lässt. Bestechung beugt man vor, indem man diese hart bestraft, nicht indem man Gefährdete zur Mastgans erklärt und fortan mit Geld vollstopft.

Es ist wirklich mehr als ärgerlich, dass ich zu anständig bin, um eine politische Karriere in Betracht zu ziehen. Reden schreiben würde mir sogar Spaß machen, diese könnte ich im Bundestag in einem mehr als intimen Kreis vortragen, der mich zu 90 % dabei ignoriert, so müsste ich noch nicht mal über meinen Schatten in Bezug auf „Freies Reden vor Menschenmengen“ springen, und gleichzeitig würde ich von meinen Kumpels frenetisch abgefeiert, wenn ich die aktuelle Sarkasmusgranate verbal abfeuere. Falls ich noch Minister werden würde, dann käme nur ein angenehmer Reiseplan dazu, das richtige Ressort vorausgesetzt sogar an die Traumziele dieser Welt. Und wenn mir dieser ach so dolle Stress doch zu viel werden würde, dann könnte ich direkt meine Rente beantragen, mich spätestens nach der sechsten Auszahlung in mein eigenes Schloss zurückziehen und als tägliche Anstrengungsspitze das Wechseln meiner Unterhose etablieren.

Vielleicht sollte ich doch tatsächlich meine sowieso meist hinderlichen Anstandswerte neu justieren. Zumal ich ja auch ein Volk über den Tisch ziehen würde, dem das eher egal ist und das die eigenen Schlächter ständig begeistert in ihren Positionen bestätigt. Wie sagt man so schön? Jedes Volk bekommt die Politiker, die es verdient. Und wenn gerade die deutsche Schafherde nicht förmlich nach einem Zyniker schreit, wer dann?


– Text: Jens Grotartig, Titelbild: Alina Brost

 

Weitere Glossen aus der Kolumne „Die groteske Weltanschauung“:

Gehirnflucht auf Germanisch

Das Land, wo Milch, Honig und Hartz4 fliessen

Immun gegen jede Logik

Mulder? Ich bin’s…

Donkey Kong

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