Darum lassen immer weniger Eltern ihre Kinder impfen

Immer mehr Eltern möchten nicht, dass ihre Kinder geimpft werden. Sie haben Angst, dass ihre Kinder dadurch autistisch werden und dass Impfungen sowieso nichts bringen. Lediglich die Pharmalobby wolle damit Geld verdienen. Wieso denken manche Menschen das?

 

Spritze

 

Wenn man sich Artikel oder Berichte zum Thema Impfen ansieht, könnte man denken, dass gerade eine Debatte darüber entsteht, ob Impfen sinnvoll sei oder nicht. Gerade in Anbetracht des heftigsten Masernausbruchs in Deutschland seit Jahren und der politischen Forderungen nach einer Impfpflicht ist dieses Thema entfacht worden. Doch so eine Debatte gibt es in wissenschaftlichen Kreisen eigentlich gar nicht. Impfungen verursachen keinen Autismus und retten jährlich Millionen leben, weil sie wirken. Das ist wissenschaftlich erwiesen, empirisch jahrelang erprobt und unter Experten herrscht darüber auch Konsens. Doch die Öffentlichkeit, oder zumindest ein Teil von ihr stellt diese Tatsachen in Frage. Warum?

 

Dazu betrachten wir erstmal, wie es dazu kommen konnte, dass man Impfungen mit Autismus in Verbindung gebracht hat, obwohl keine Korrelationen existieren.

 

Autismus und Impfungen

 

Ja, die Diagnosen von Autismus haben in der Tat zugenommen. Fast alle Wissenschaftler sind sich darüber einig, dass dies daran liegt, dass die Diagnosen besser geworden sind. Also können wir nicht sagen, dass auch die Fälle an Autismus zugenommen haben. Falls jedoch schon, dann muss ein Umweltfaktor eine entscheidende Rolle spielen. Wenn wir von „Autismus“ sprechen, sprechen wir eigentlich von einem Spektrum an Entwicklungs- und Wahrnehmungssstörungen, welche die Möglichkeiten einer Person betreffen, zu kommunizieren oder sozialen Umgang zu pflegen. Allen diesen Ausprägungen von Autismus, sei es nun eine kaum wahrnehmbare Ausprägung von Aspergerautismus oder eine starke Form vom Cannerautismus, sind eine starke genetische Komponente gemein. Das heißt, dass Autismus teilweise von den Genen bestimmt wird. Jedoch scheinen auch bestimmte Umwelteinflüsse ihren Teil zu diesen Störungen beizutragen. Jedoch liegt hier die Wurzel der Annahme, Impfungen verusachen Autismus, da man nicht genau sagen kann, was genau die Ursachen für die Autismusstörungen sind.

 

Kognitive Verzerrung

 

Wenn die Wissenschaft keine Begründung liefern kann, dann versuchen sich die Menschen eben selbst welche zu suchen. Und die Art und Weise, wie wir das machen funktioniert fast ausschließlich über Kognitive Verzerrung. Es ist ein Wahrnehmungsfehler, der jedoch einen wesentlichen Teil davon darstellt, wie unser Gehirn neue Informationen verarbeitet. Dadurch ergeben sich viele, viele Kognitive Verzerrungen, wie zum Beispiel Attributionsfehler, Bestätigungsfehler oder die Illusorische Korrelation. Sie bringen uns dazu, bestimmte Informationen auszublenden, andere überzubewerten oder sich auf Dinge zu konzentrieren, die gar nichts mit dem zu tun haben, was wir beobachten. Im Grunde genommen läuft es immer folgendermaßen ab: Wenn wir eine Hypothese hören und wir der Meinung sind, dass sie Sinn ergibt (oder nicht), dann sind wir in Wahrheit eigentlich der Meinung, dass es zu unseren Kognitiven Verzerrungen und Vorurteilen passt (oder nicht). So geben die Menschen vielen Dingen die Schuld an Autismus: Plastik, Pestizide, Genfood, Antidepressiva, Zucker oder Impfungen. Im Grunde genommen einfach dem, wovon ein Mensch denkt, dass es am meisten Sinn macht.

Üblicherweise erkennt man Autismus folgendermaßen: Die Eltern bemerken, dass sich ihr Kind (im Alter von ca. 1 Jahr) mit seiner Entwicklung verspätet oder dass es eine bereits bestehende Entwicklung plötzlich verliert (bis zu 3 Jahren). Wir Menschen sind dazu ausgelegt, Muster zu erkennen und auszuwerten. Wir möchten herausfinden, welche Strategien und Verhaltensweisen zu einem positiven Ergebnis führen. Aber noch viel mehr achten wir darauf, welches Verhalten negative Folgen für uns haben könnte. Dieses Überbewerten von negativen Auswirkungen ist ein psychologisch gut erforschter Mechanismus namens „negativity bias“. Wenn dein Auto nicht anspringt, suchst du verzweifelt nach einen Grund, warum es denn nicht funktionieren könnte. Wenn aber deine alte Schrottkarre problemlos anspringt und funktioniert, nachdem es die ganze Woche zuvor Probleme bereitet hat, fragst du dich nicht warum es doch geht. Wir beschäftigen uns viel mehr damit, warum etwas Schlechtes passiert ist, als wir uns damit beschäftigen, warum uns etwas Gutes passiert ist. Wie man nach Erklärungen für diese Dinge sucht, nennt man in der Psychologie Attributionsstrategien. Dabei gibt es verschiedene Attributionsstile. Manche neigen eher dazu, sich selbst zu beschuldigen, andere beschuldigen gerne externe Quellen. Aber eines ist sicher: Wir sind sehr schlecht darin, niemandem die Schuld zu geben.

Nun ist es also nur natürlich und verständlich, dass die Eltern eines Kindes, bei welchem Autismus attestiert wurde nun wissen möchten, warum diese Spritze 2Symptome von Autismus zeigen. Und wenn das bedeutenste Ereignis in der jüngsten gesundheitlichen Geschichte ihres Kindes eine Impfung war, was in dem betreffenden Alter nunmal üblich ist, kann die Wahl als Ursache leicht eben auf dieses Ereignis fallen. Und das ist immer noch komplett logisch. Das Problem ist nur, dass über ein Dutzend wissenschaftlicher Studien keinerlei Korrelation zwischen Autismus und Impfungen finden konnte. Jedoch gibt es viele Quellen, die einen Zusammenhang postulieren. Die Beweislast wird meistens dadurch von sich geschoben, indem entweder die Regierung oder die Pharmalobby beschuldigt wird, etwas vertuschen zu wollen. Ein Elternteil, welches sowieso schon von der Unfähigkeit der gesundheitlichen Organe frustriert ist, ihm zu sagen, wieso sein Kind erkrankt ist, findet im Internet eine ganze Community, welche ähnliche Erfahrungen gemacht hat und sich im regen Informationsaustausch befindet. Es kursieren jede Menge Anekdoten bezüglich den Verbindungen von Autismus und Impfungen, sodass selbstverständlich einige Menschen zum Schluss kommen, den Ursprung der Erkankung gefunden zu haben. Einmal darauf festgelegt, setzt der Bestätigungsfehler ein.

 

Bestätigungsfehler

 

Laut Wikipedia bezeichnet der Bestätigungsfehler „in der Kognitionspsychologie die Neigung, Informationen so auszuwählen, zu suchen und zu interpretieren, dass diese die eigenen Erwartungen erfüllen. Unbewusst ausgeblendet werden dabei Informationen, die eigene Erwartungen widerlegen (disconfirming evidence). Die betreffende Person unterliegt dann einer Selbsttäuschung oder einem Selbstbetrug.“

Also kurz gesagt, etwas, dass bestätigt, was wir bereits glauben, akzeptieren wir unreflektiert, wobei wir bei Quellen, die das Gegenteil sagen, um jeden Preis nach Gründen suchen, warum diese falsch liegen.

Das ist komplett normal, das macht jeder Mensch und es ist eine alltäglich Sache. Es ist nur wichtig, sich dieses Phänomens bewusst zu sein. Durch diesen Denkfehler erhalten sich zum Beispiel auch Verschwörungstheorien am Leben.

Und es ist tatsächlich sogar so, dass der Versuch, eine Person davon zu überzeugen, dass eine ihrer Meinungen inkorrekt ist, dazu führt, dass ihre Affinität zu dieser Meinung sogar noch steigt. Und so entsteht die Gemeinschaft der Impfgegner und die Wirksamkeit und von Impfungen wird grundsätzlich in Frage gestellt.

 

Warum man sich gegen eine Impfung entscheidet

 

Die Folge ist, dass die Impfraten sinken und noch weiter sinken werden. Eine Studie aus dem Jahr 2011 zeigt, dass Eltern, sich noch vor der Geburt ihres Kindes Gedanken darüber machen, ob ihr Kind geimpft werden soll oder nicht, 8 mal seltener ihr Kind tatsächlich impfen lassen als Eltern, die das nicht tun. Denn wenn sie die Möglichkeit haben, selbst über die Wirksamkeit und Gefahren zu recherchieren, finden sie widersprüchliche Informationen. Und wenn man die Wahl hat, etwas zu tun, dass vielleicht Konsequenzen hat oder nichts tut, das vielleicht Konsequenzen hat, tut man lieber nichts. Das nennt man Omission Bias (etwa: „die Neigung zur Unterlassung“). Wir bewerten potentiell schädigende Taten schlimmer als potentiell schädigende Unterlassungen. Eine andere Studie zeigte, dass Eltern nur dann ihre Kinder impfen ließen, wenn die Gefahr des Nicht-Impfens mindestens doppelt so schlimm war wie die Gefahr des Impfens. Die Eltern würden sich in der Zukunft schlimmer fühlen, etwas getan zu haben, das ihrem Kind schadet, als etwas nicht getan zu haben, was ihrem Kind schadet. Deshalb ist allein das Aufbringen der Möglichkeit, sich zu entscheiden, sein Kind nicht zu impfen, ein Grund dafür, dass die Impfraten zurück gehen. Die Eltern entscheiden sich lieber dafür, die „Natur“ einfach geschehen zu lassen und eine Infektionskrankheit zu riskieren. Dieser Effekt ist besonders bei jenen Menschen stark, die stark an den Naturalistischen Fehlschluss glauben, ein weiterer Denkfehler. Man glaubt, Dinge, die natürlich sind oder nur als natürlich wahrgenommen werden sind automatisch besser, als Dinge, die man als „künstlich“ wahrnimmt. Dann gibt es Vorurteile gegenüber der Regierung oder der Pharmalobby, welche ebenfalls zur konstruierten Geschichte ihrer Kognitiven Verzerrungen passen. Wieder der Bestätigungsfehler.

 

Risikoeinschätzung

 

Jedoch sind wir Menschen auch furchtbar darin, Risiken einzuschätzen. Die allerkleinste Möglichkeit, dass die Impfung meinem Kind schaden könnte, wird dramatisch überbewertet im Vergleich zu der tatsächlichen Bedrohung durch die Krankheit, gegen die diese Impfung helfen soll. (Hier zu Risikowahrnehmung). Besonders dann, wenn die Krankheit, vor der die Impfung schützen soll, so gut wie ausgestorben ist (wie zum Beispiel Masern), aber imaginierte Folgen wie zum Beispiel Autismus ein Begriff und aktuell ist.

 

Also ist es tatsächlich so, dass der Erfolg von Impfungen dazu beiträgt, dass Eltern eher dazu neigen, ihre Kinder nicht impfen zu lassen.

 

Menschen sind kompliziert. Und das ist ein kompliziertes Problem. Menschen sind von Grund auf schlecht darin, Zusammenhänge zu erkennen und Risiken einzuschätzen. Oder auch nur darin,  sich eigene Fehler oder Fehlschlüsse einzugestehen. Das gilt jetzt nicht nur für die Impfdebatte, sondern auch für Rassismus, Sexismus oder Speziesismus, bei welchen alle diese Mechanismen ebenfalls am Werk sind. Doch wenn man Statistiken und die wissenschaftliche, logisch-deduktive Methode versteht, welche frei von solchen Kognitiven Verzerrungen arbeitet, hat man eben ein anderes Leben und ein anderes Verständnis von der Welt als jemand, der sich auf Anekdoten oder Meinungen seiner Freunde oder bestimmter Blogs verlässt, die die gleiche Meinung vertreten wie man selbst.

Wenn man sich also das nächste Mal darüber aufregt, dass die Impfzahlen zurück gehen und es wieder Maserntote gibt, dann soll man sich daran erinnern, dass es an dem überwältigen Erfolg der Impfungen in den letzten Jahrzehten liegt, dass man überhaupt an die Möglichkeit so einer Debatte denken kann. Und dass Impfgegner von den gleichen Denkfehlern und Kongitiven Verzerrungen getrieben werden, an welchen wir auch leiden, wenn auch nur an anderen Stellen. Und nur durch das Verstehen und Akzeptieren dieser menschlichen Fehler ist es uns möglich, dieses Problem zu lösen. Und genau darum geht es in der Wissenschaft.


– Text: Thomas Laschyk

 

Dieser Artikel orientiert sich an dem Video The Science of Anti-Vaccination“ (Englisch) von SciShow auf Youtube. Der Autor dankt Hank Green und seinem Team für die Aufbearbeitung des Themas.

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