Wider den Populismus: Islamisierung (Teil 2)

In der Reihe “Wider den Populismus” dekonstruiert der Volksverpetzer populistische Mythen und häufig auftretende Denkfehler, um so gegen Vorurteile und Intoleranz vorzugehen. Mit Parteien wie der AfD und Hetzern wie Sarrazin oder Pirinçci scheint der Rechtspopulismus und – extremismus in Deutschland wieder salonfähig geworden zu sein. Die Ängste der Menschen werden hierbei mit fingierten Feindbildern gefüttert, um daraus schnelles Kapital und Wählerstimmen heraus zu schlagen. Die darin propagierten Inhalte werden auf derart simple Kausalketten heruntergebrochen, dass eine differenzierte Sicht auf die Dinge kaum möglich wird. Um diesen Tendenzen entgegen zu wirken, wird sich der Volksverpetzer mit der Serie “Wider den Populismus” der hetzerischen Parolen annehmen, um populistisch formulierte Argumente mit Hilfe von Fakten zu entkräften. Hogesa, Pegida – Die jüngsten Entwicklungen zeugen nicht nur von einer immer größeren Angst einer ominösen „Islamisierung“, sondern sogar von Hass gegen Muslime. Was ist dran an den Behauptungen?

 

Die Islamisierung (Teil 2)

Islamisierung 2

 

Die „patriotischen Europäer“ der Pegida gehen gegen eine „Islamisierung des Abendlandes“ auf die Straße. „Islamisierung“ bedeutet die Vorstellung, dass der Islam die Welt erobere und ähnlich der Katholischen Kirche in der Vergangenheit versuche, zu missionieren und regelrechte Kreuzüge – „Dschihads“ wie man sie nennt – durchzuführen,  um speziell in der westlichen Welt den muslimischen Glauben zu etablieren. Forderungen, Weihnachtsmärkte oder St. Martinsumzüge religionsneutral umzuformulieren, sehen sie als Beweis für den schleichenden Einfluss „des Islams“ in Deutschland anstatt für Säkularisierung. Hier geht es zum ersten Teil.

 

Der Islam ist keine rückständige Kultur

 

Bevor auf dieses Argument eingegangen wird, muss festgehalten werden, dass „der Islam“ keine Kultur darstellt. Der Islam ist lediglich eine Religion. Nach Huntington wird es nur einen Islamischen Kulturkreis geben, dieser ist jedoch nicht deckungsgleich mit dem Gebiet, in dem der islamische Glauben verbreitet ist. Insbesondere im hinduistischen Kulturkreis sowie in Europa, das zur westlichen Zivilisation gehört, spielt der Islam eine Rolle. Auf diese falsche Vorstellung wird im folgenden jedoch trotzdem Bezug genommen:

Vor allem am Kopftuch machen Kritiker gerne ein rückständiges Frauenbild und ein Patriarchat im „Islam“ fest. Auch Halal-Fleischprodukte, die von vor der Tötung nicht betäubten Tieren stammen, gelten als Indiz für eine „primitivere Kultur“, da nach deutschen Gesetz eine Betäubung vor dem Schächten vorgeschrieben ist. Doch wiedereinmal ist es so, dass natürlich nicht alle Muslima Kopftücher tragen oder alle Muslime nur halal produziertes Fleisch verzehren. Siehe dazu auch den Punkt ‚„Der Islam“ ist keine homogene Bewegung‘ aus Teil 1. Darüber hinaus praktizieren auch nicht alle Muslime die sonstigen traditionellen islamischen Riten, wie beispielsweise das Beten gen Mekka oder das Einhalten des Fastenmonats Ramadan. Ob und wie sehr jemand diesen Dingen nachkommt hängt einfach damit zusammen, wie konservativ er oder sie ist oder sein oder ihr Familien- und Freundeskreis eingestellt ist. Im Grunde genommen kritisiert man daran wieder lediglich den Konservatismus und das Festhalten an alten Traditionen. Man kann ebenso leicht Beispiele konservativer Christen und ihrer religiösen Praktiken, ihre Einstellungen zum Feminismus oder ihres Fleischkonsums mit den dahinter stehenden Tierquälereien und Umweltschäden betrachten und das Christentum als rückständig titulieren. Interessanterweise wird Kritik am Islam und Fremdenfeindlichkeit sogar überwiegend aus eben jenen konservativ-christlichen Kreisen verübt, die hier eine große Doppelmoral offenbaren.

 

Muslime sind nicht kriminell

 

Was die angeblich stärkere Kriminalität von Ausländern anbelangt, haben wir bereits hier einen Artikel verfasst. Die dort angesprochenen Punkte gelten selbstverständlich für alle „Ausländer“ und Menschen mit Migrationshintergrund, die dem Islam angehören. Dann muss erwähnt werden, dass selbstverständlich auch Deutsche ohne Migrationshintergrund dem Islam angehören können. Schließlich ist dies eine Religion wie jede andere und lediglich eine Glaubensfrage. Der Islamistische Prediger und Salafist Pierre Vogel beispielsweise ist Deutscher und Konvertit. Politisch motivierte Straftaten durch Ausländer stellen darüber hinaus auch kein echtes Problem dar: Im Jahr 2013 zählt der Verfassungschutz lediglich 544 Straftaten von über 7 Millionen „Ausländern“. Davon sind 62 Fälle Körperverletzung und keiner Mord, Tötung oder Freiheitsberaubung. Und der Anteil der Strafttaten muslimisch gläubiger Ausländer ist selbstverständlich noch einmal weniger, da diese Statistik alle Menschen umfasst, die in die Kategorisierung „Ausländer“ fallen. Zeitgleich gab es jedoch fast genauso viele rechtsradikale Gewaltverbrechen (473), darunter eine versuchte Tötung und 443 Körperverletzungen. Es stellt sich die Frage, was eine größere Gefahr für die Gesellschaft darstellt – Ein paar Straftaten von muslimischen „Ausländern“ oder die „Patrioten“, die die Gesellschaft davor schützen wollen.

 

Moscheen passen ins Stadtbild

 

Dieses Pseudo-Argument wird lediglich der Vollständigkeit halber in diese Auflistung aufgenommen, da es völlig nichtssagend ist. Einerseits ist dies ausschließlich eine

Khadija-Moschee (Berlin)
Khadija-Moschee (Berlin)

Geschmacksfrage, die völlig irrelevant für politische Entscheidungen sei sollte und andererseits könnte niemand sagen, was für ein Gebäudetypus zu welchem Stadtbild passt. Die Städte allein in Deutschland unterscheiden sich bereits stark im Aussehen. Dann gibt es wieder moderne, avantgardistische Architektur die nach dieser Logik ebenfalls nicht „dazu passen“ müsste. Letztendlich sieht eine Stadt immer so aus, wie sie eben aussieht. Und Moscheen können durchaus ein Teil davon sein.

Das Argument, dass die Gotteshäuser einer Glaubensrichtung zu „orientalisch“ aussähen und deshalb nicht ins deutsche Stadtbild passen war übrigens auch bei den Nationalsozialisten sehr beliebt: Sie haben nur lediglich die jüdischen Synagogen gemeint.

 

Muslime wollen sich sehr wohl integrieren

 

Für eine massenhafte Intergrationsunwilligkeit gibt es keinerlei Belege. Ausländerbehörden in Städten mit hohen Zuwandererteil schätzen den Anteil der Verweigerer auf wenige Promille oder maximal einige Prozente. Eine Studie des Bundesinnenministeriums belegte zum Beispiel, dass etwa 10 Prozent muslimischer Schülerinnen wegen dem Unwillen  ihrer Eltern nicht an Klassenfahrten teilnehmen. Jedoch waren es bei bei Andersgläubigen auch 5%. Doch selbst bei einem wesentlichen Unterschied könne man daraus noch lange keine systematische Intergrationsverweigerung ableiten, da es sich hier um einen speziellen Sonderfall handelt. Nämlich lediglich um Schülerinnen und Klassenfahrten, welches man kaum verallgemeinern kann. Man könnte auch versuchen, an den Abbrüchen der Integrationskurse einen Unwillen abzulesen. Doch diese Zahlen sind nicht besonders groß, wenn man bedenkt, dass die meisten der Abbrecher die Kurse später nachholen. Außerdem wäre es zynisch, die Integrationsunwilligkeit mit Integrationskursen bemessen zu wollen, da nicht genügend Kurse angeboten werden und es teilweise monatelange Wartezeiten gibt, da diese fast immer ausgebucht sind. 120.000 Menschen nehmen jährlich an ihnen teil. (Quelle)

Andererseits muss man hinzufügen, dass zur Integration immer zwei Seiten gehören: Wenn aufgrund von Vorurteilen oder rassistischen Ressentiments deutsche Nicht-Muslime aktiv Muslime (oder andere) ausgrenzen oder keinen Kontakt zu ihnen pflegen, sind sie maßgeblich Mitschuld an der sog. „Intergrationsunwilligkeit“ und der Ghettoisierung. So kommt es, dass Islamkritiker oder -hasser tatsächlich Ursache und Wirkung verwechseln.

 

Es gibt keine „Islamisierung“ in Deutschland


Darüber hinaus macht die Ausgrenzung und Diskriminierung von Muslimen, die eben durch jene „Patriotische Europäer“ und andere geschieht, einen Großteil der Völkerverständigung und des Dialogs zu nichte und kann einige für eben jene Hassbotschaften von Extremisten empfänglicher machen. Was also in Wahrheit geschieht, ist, dass sich die Extremisten auf beiden Seiten nur gegenseitig hochschaukeln und sich Feindbilder liefern, die pauschalisiert werden. Und dann geraten Unschuldige in den Konflikt hinein. Doch es gibt keine Islamisierung Deutschlands, keine „Überfremdung“ durch Muslime oder sonst dergleichen. PEGIDA, HoGeSa oder die AfD – Sie alle spielen nur mit diesem dankbaren Feindbild, auf dass alle Ängste und der Hass gelenkt werden kann. Wenn hinter allem Schlechten die “Islamisierung” steckt, die alles “Gute” und “Schöne” in Deutschland zerstören will und unsere eigene Regierung und Presse dabei auch noch fröhlich mitmischt, grenzt dies an eine Verschwörungstheorie. Wenn sich diese Aversion und diese haltlosen Schuldzuschreibungen für Probleme, die gar nicht existieren weiter zuspitzen, weist die Hetze schon große Parallelen zu der Stimmung auf, die die NSDAP vor der systematischen Judenverfolgung geschürt hat. Gerade Deutschland sollte sich schämen, dass dieser furchtbarste Fehler in der Menschheitsgeschichte noch einmal wiederholt werden könnte.


 

– Text: Thomas Laschyk, Titelbild: Alina Brost

 

Weitere Artikel aus der Reihe „Wider den Populismus“:

Sozialschmarotzer Teil 1 (Arbeitslose und Hartz IV)

Sozialschmarotzer Teil 2 (Asylbewerber)

Meinungsfreiheit, Zensur und Political Correctness

Islamisierung (Teil 1)

Die Weltverschwörung

Die EU ist an allem Schuld

Gutmenschen, Moralapostel & Weltverbesserer

Ausländerkriminalität

Mainstreammedien

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