Wider den Populismus: Islamisierung (Teil 1)

In der Reihe “Wider den Populismus” dekonstruiert der Volksverpetzer populistische Mythen und häufig auftretende Denkfehler, um so gegen Vorurteile und Intoleranz vorzugehen. Mit Parteien wie der AfD und Hetzern wie Sarrazin oder Pirinçci scheint der Rechtspopulismus und – extremismus in Deutschland wieder salonfähig geworden zu sein. Die Ängste der Menschen werden hierbei mit fingierten Feindbildern gefüttert, um daraus schnelles Kapital und Wählerstimmen heraus zu schlagen. Die darin propagierten Inhalte werden auf derart simple Kausalketten herunter gebrochen, dass eine differenzierte Sicht auf die Dinge kaum möglich wird. Um diesen Tendenzen entgegen zu wirken, wird sich der Volksverpetzer mit der Serie “Wider den Populismus” der hetzerischen Parolen annehmen, um populistisch formulierte Argumente mit Hilfe von Fakten zu entkräften. Hogesa, Pegida – Die jüngsten Entwicklungen zeugen nicht nur von einer immer größeren Angst einer ominösen „Islamisierung“, sondern sogar von Hass gegen Muslime. Was ist dran an den Behauptungen?

 

Die Islamisierung (Teil 1)

 

Islamisierung 1

Die „patriotischen Europäer“ der Pegida gehen gegen eine „Islamisierung des Abendlandes“ auf die Straße. „Islamisierung“ bedeutet die Vorstellung, dass der Islam die Welt erobere und ähnlich der Katholischen Kirche in der Vergangenheit versuche, zu missionieren und regelrechte Kreuzzüge – „Dschihads“ wie sie genannt werden – durchzuführen,  um speziell in der westlichen Welt den muslimischen Glauben zu etablieren. Forderungen, Weihnachtsmärkte oder St. Martinsumzüge religionsneutral umzuformulieren, sehen sie als Beweis für den schleichenden Einfluss „des Islams“ in Deutschland anstatt für Säkularisierung.

 

„Der Islam“ ist keine homogene Bewegung mit einem festen Ziel

 

So etwas wie „den einen Islam“ gibt es nicht. Der Islam ist ein zusammenfassender Begriff für alle muslimischen Religionen, genau wie „das Christentum“ für alle christlichen. Genau wie bei Katholiken, Protestanten oder orthodoxen Christen kann man auch im Islam zum Beispiel Shiiten, Sunniten oder Ibaditen unterscheiden, die verschiedene Interpretationen der Lehre des Korans vertreten. Es gibt einige Muslime, wie die Mitglieder von Al Qaida oder des IS, die tatsächlich einen „heiligen Krieg“ führen wollen und die ganze Welt dem Islam unterwerfen – Doch ein Großteil der weltweiten Muslime distanziert sich von solchen Aussagen. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland verurteilt die Terrorakte des IS zum Beispiel scharf und setzt sich für Religionsfreiheit ein (Pressemitteilung hier). Pauschal allen Muslimen Sympathie zu Terroristen oder Salafisten vorzuwerfen,  ist unfair und falsch. Ansichten und Taten von Ku-Klux-Klan-Mitgliedern oder Kreationisten werden ja auch nicht allen Christen vorgehalten.

 

Der Islam ist keine gewalttätige Religion

 

Der Islam ruft nicht mehr zu Gewalt auf als andere Religionen. Im Koran können ebenso wie in der Bibel Passagen gefunden werden, die Krieg und Mord legitimieren, aber auch Aussagen, die selbiges verurteilen. Wie in allen schriftbasierten Religionen ist dies alles Auslegungssache. Auch der Begriff des „Dschihad“ ist mit „heiliger Krieg“ falsch übersetzt. Etymologisch bedeutet er eher: Mit maximaler Anstrengung mit einer guten Tat auf den Weg Gottes gelangen. Was dies konkret bedeutet, ist wieder der Interpretation überlassen. Selbst Religionsfreiheit wird vorgeschrieben: „Es gibt keinen Zwang in der Religion“ (Sure 2:256). Daran hielten sich auch mittelalterliche Eroberer.

Auch sind historische Eroberungskriege und Reiche islamischer Herrscher kein Indiz für eine höhere Bereitschaft, Kriege zu führen. Betrachtet man die Geschichte christlicher Staaten, so gibt es eine Vielzahl an Kreuzzügen und religiös motivierten Kriegen, die auch oft von den religiösen Führern ausgerufen worden sind: Wie zum Beispiel dem Papst der Katholischen Kirche.

 

Muslime sind keine Mehrheit – Und werden es auch in Zukunft nicht sein

 

Ipsos Mori führte eine Umfrage durch, die die Bevölkerung darum bat, zu schätzen, wie groß der Anteil der muslimischen Bevölkerung in Deutschland sei. Sie schätzen 19%. Dabei sind Nazis in Sachsenes weitaus weniger: Lediglich 5% oder 6%. Bis 2030 können es noch 7% werden. Von Mehrheiten ist man also noch weit entfernt. Der Anteil der Atheisten ist definitiv höher: Man schätzt es sind zwischen einem Fünftel und einem Drittel der Bevölkerung. Die Zahl der Salafisten ist sogar verschwindend gering: Dem Verfassungsschutz zufolge lebten 2013 nur 5500 Salafisten in Deutschland. Das sind 0,15% aller in Deutschland lebenden Muslime. Doch selbst wenn die Anzahl der Muslime in Deutschland größer wäre: Was wäre daran verwerflich? In Deutschland gibt es eine verfassungsmäßige Trennung von Staat und Kirche und Religionsfreiheit. Es spielt keine Rolle, welcher Glaubensrichtung ein Bürger angehört, zumal ein Großteil der hier lebenden Muslime sowieso säkular eingestellt ist. Genau wie bei den anderen großen Religionen auch.

 

Die Fertilitätsrate muslimischer Frauen ist nicht viel höher als in bei anderen deutschen Frauen

 

Es geht ebenfalls der Mythos um, dass muslimische Frauen in Frankreich im Durchschnitt 8.1 Kinder hätten. Thilo Sarrazin argumentiert so ähnlich. Diese Geburtenrate wird dann gerne auch für andere Länder verwendet. Zum einen ist dies eine völlig frei erfundene Zahl, da Frankreich prinzipiell keine Statistiken anstellt, in welcher die Bevölkerung nach Religionsangehörigkeit kategorisiert wird. Somit gibt es überhaupt keine nachweisbaren Zahlen dazu. Zum anderen spricht einiges dagegen, dass die wahre Geburtenrate auch nur annähernd so hoch ist: Ein Schnitt von 8.1 Kindern ist schier unmöglich. Damit wäre diese nämlich höher als in den Ländern mit den höchsten Geburtenraten der Welt (Die höchste ist Niger mit ungefähr 7). Jedoch auch wenn Personengruppen mit höheren Geburtenraten einwandern, gleicht sich das mit den Generationen nach unten an. Das Social Science Research Network veröffentlicht dazu eine in Deutschland durchgeführte Studie, die besagt, dass der Einfluss der Fertilitätsrate im Herkunftsland der Migrantinnen nur für die erste Generation von größerer Bedeutung ist und danach immer schwächer wird. Sie wirkt sich darüber hinaus auch stärker bei Frauen mit niedrigem Bildungsgrad aus, sowie bei Frauen, die mit einem Partner leben, der aus dem gleichen Herkunftsland stammt. Die Fertilitätsraten aus den Herkunftsländern liegen jedoch im Schnitt bei 2,16.

Zu guter Letzt sei noch hinzugefügt, dass unabhängig davon, wie die Zahlen in Frankreich aussehen, diese nichts mit der Situation in Deutschland gemein haben können. Die Zahlen für Deutschland: 63,2% der Muslime in Deutschland sind ursprünglich türkischer Herkunft. Die Fertilitätsrate in der Türkei beträgt Stand 2012 2,01. Damit ist sie in der Tat leicht größer als der deutsche Schnitt von 1,3. Doch Deutschland hat eine der niedrigsten Fertilitätsraten der Welt, also ist es logisch, dass Herkunftsländer von Einwanderern zwangsläufig höhere Raten haben. Doch da Deutschland mit dieser Entwicklung schrumpft, ist es auf Zuwanderung angewiesen, um seine Bevölkerungszahl zu halten.

 

Wenn der Anteil der Moslems weiter wächst, wird Deutschland zu einem Islamischen Staat

 

Die höhere Fertilitätsrate zusammen mit Migranten und Flüchtlingen aus vielen islamischen Ländern wird von Kritikern gerne als Indiz hergenommen, dass „bald“ (manche sprechen von konkreten Jahren wie 2050 oder 2070) die Mehrheit der deutschen Bevölkerung muslimisch sein wird. Erstens stimmen die Prämissen dieser Prognose nicht, wie beispielsweise eine dramatisch höhere Fertilitätsrate muslimischer Frauen oder dass diese in den kommenden Generationen ähnlich hoch bleiben wird (Siehe oben). Zweitens ist es falsch, aus den derzeitigen Zahlen eine weit in die Zukunft reichende Prognose bis ins Jahr 2050 oder 2070 abzuleiten. Der gezogene Schluss, dass die Mehrheit der Bevölkerung in naher oder ferner Zukunft muslimischen Glaubens sein wird, übersieht viele entscheidende Faktoren, die ebenfalls zur Bevölkerungszusammensetzung nach Glauben eine Rolle spielen. Wie zum Beispiel die fortschreitende Säkularisierung oder die Entwicklungen anderer Religionen oder der Anzahl der Atheisten. Hier wird wieder eine vereinfachte Argumentationsstruktur angewendet, die dieser künstlichen, simplen Kausalkette nach einfach falsch ist. Abgesehen davon ist es unmöglich, aussagekräftige Prognosen für Szenarien in 40 oder 60 Jahren zu treffen.

Zu Letzt muss festgestellt werden, dass aus einer Bevölkerung, die zum Großteil muslimischen Glaubens ist, nicht automatisch ein „Islamischer Staat“ wird. Mit „Islamischer Staat“ werden die Vorstellungen einer islamischen Theokratie verbunden. Doch eine religiöse Bevölkerungsmehrheit macht einen Staat nicht zu einer Theokratie: In Deutschland sind 62% der Bevölkerung christlichen Glaubens. Doch obwohl es keinen perfekten Laizismus in Deutschland gibt, so ist nach Artikel 140 des Grundgesetz neben Religionsfreiheit die weltanschauliche Neutralität des Staates gewahrt. Niemand spricht von Deutschland als einen „christlichen Staat“. Aber auch eine mehrheitlich muslimische Bevölkerung wäre nichts verachtenswertes, auch wenn es höchst unwahrscheinlich ist, dass es in den nächsten 50 Jahren oder überhaupt jemals dazu kommt. Denn mit der religiösen Ausrichtung der Bevölkerung ändern sich nicht die Prinzipien von Rechtsstaat oder die Staats- oder Wirtschaftsform. Auch die Sorgen um einen „Verfall“ gesellschaftlicher Werte sind nicht nachvollziehbar. Denn wie bereits gesagt, gibt es keine speziell „islamischen“ Werte, lediglich konservative oder liberale. Diese sind nicht minder erstrebenswert als der schwammige Begriff der „christlichen“ oder „westlichen“ Werte. Auch haben sich gesellschaftliche Werte in 50 Jahren natürlicherweise sowieso stark gewandelt, was eine ganz normale Entwicklung und auch begrüßenswert ist. Diese Kritik speist sich somit aus dem eigenen Konservatismus und wendet sich gegen einen islamischen Konservatismus.

 

Hier geht es weiter zum zweiten Teil.


 

– Text: Thomas Laschyk, Titelbild: Alina Brost

 

Weitere Artikel aus der Reihe „Wider den Populismus“:

Islamisierung (Teil 2)

Sozialschmarotzer Teil 1 (Arbeitslose und Hartz IV)

Meinungsfreiheit, Zensur und Political Correctness

Sozialschmarotzer Teil 2 (Asylbewerber)

Die Weltverschwörung

Chemtrails

Die EU ist an allem Schuld

Gutmenschen, Moralapostel & Weltverbesserer

Ausländerkriminalität

Mainstreammedien

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