Die groteske Weltanschauung: Das Land, wo Milch, Honig und Hartz4 fliessen

Jens Grotartig hat einige Dinge klar zu stellen. In seiner Kolumne “Die groteske Weltanschauung” schreibt er über alle Undinge, die man so in Deutschland und in den sozialen Medien findet und erteilt ihnen eine gehörige Abfuhr. Diesmal beschäftigt er sich mit dem Stammtischfeindbild Nr. 1: Dem Sozialschmarotzer.

 

Ich halte es ja eher für kontraproduktiv, einen Ruf nach Unterstützung mit den Worten „Hilfe, mein Hartz4-Schmarotzer-Nachbar“ einzuleiten. Spätestens nach der Titulierung hat die potentielle Heulsuse zumindest mich nämlich von wegen Solidarität verloren, denn schöner als mit einer pauschalen Beleidigung der Ärmsten der Armen in diesem Land kann man mir nicht beweisen, dass man noch nicht tief genug gesunken ist. Dass Hartz4 ein menschenrechtswidriger Überlebenskampf ist und nichts mit Schmarotzerei zu tun hat, ist für intelligente Leute selbstverständlich. Wer das aber noch nicht begriffen hat, sollte unbedingt selber eine Reise auf diese Stufe antreten, so kann Herr oder Frau Denkallergiker einfach am effektivsten diesen Fakt nachvollziehen. Um diese Weiterbildung zu ermöglichen, sollte man solchen Menschen aber jede Art von Hilfe grundsätzlich verweigern, damit sie schneller von der Gesellschaft ausgespuckt werden und ihr Lernprozess beginnen kann. Ist ja irgendwie nur zu ihrem Besten.

An dieser Stelle endet das Posting, das ich ursprünglich auf diversen Onlinemedien veröffentlicht habe. Allerdings befinden wir uns im Land der Autoritätsarschkriecher und Nach-Unten-Treter, da ist es natürlich überhaupt nicht verwunderlich, dass so ein Statement nicht einfach kommentarlos stehen gelassen wird, sondern im Gegenteil die leichtgläubige Seite der Macht sofort die Gelegenheit dazu nutzt, der Welt ihre Rechtschreibschwäche zu präsentieren und gleichzeitig mal mit dem Gerücht aufzuräumen, dass Hartz4-Empfänger keine parasitären Einkommensmilliardäre sind.

In so einem Kommentarshitstorm im Mini-Format handelt dann mindestens jeder 10. Einwurf davon, schmarotzerschlagzeiledass der aufquäkende Bewohner Dunkeldeutschlands persönlich einen Menschen kennt, der von ALG II lebt, aber gleichzeitig nachweislich einen MP3-Player besitzt, bei einem Kinobesuch erwischt wurde oder es gewagt hat, mit Freunden zu feiern und dabei auch noch glücklich auszusehen.

Die höchste Empörungsspitze handelte gestern von der Anschaffung eines neuen Autos, zugegeben empfand ich diese Meldung aber als nicht ganz so schlimm, da ich mich wenigstens herzhaft darüber amüsieren konnte. Immerhin kenne ich die Höhe des aktuellen Hartz4-Satzes und bin trotz recht spärlichen Mathematik-Kenntnissen absolut dazu in der Lage, anhand dieser Information rechnerisch die verbindliche Unmöglichkeit einer Autofinanzierung außerhalb eines 50-Jahre-Zeitfensters zu ermitteln. Im Endeffekt war das ganze Spektakel übrigens dann sogar selbst den Machern der Fernsehsendung „Verstehen Sie Spaß?“ zu offensichtlich, denn bis dato ist noch niemand an mich herangetreten, um diesen Streich aufzulösen und mir vor allem die Kamera zu zeigen, mit der mein dummes Gesicht eingefangen wurde und die ich seit gestern Abend vergeblich in meiner Wohnung suche.

Das ganze Schlamassel ist so typisch deutsch, dass es schon fast als Grußbotschaft bzw. Warnung ins All geschossen werden könnte, um Außerirdische von einem Besuch im Land der politischen Allesfresser abzuhalten. Die Reichen und Mächtigen in diesem Land legen sich ganze Fuhrparks an, der Trend in dieser Elite geht zur Viertvilla und jeden Samstag wird zur Party gebeten, auf der das Koks per Ventilator unter das feiernde Volk geblasen wird. Finanziert wird der ausschweifende Lebensstil in 90 % der Fälle mit irgendeiner legalen Abzocke, bei der andere Menschen ausgebeutet werden. Jetzt sollte man aber nicht davon ausgehen, dass die Betroffenen irgendwann mal die Schnauze davon voll haben, sich zusammenrotten und die eine oder andere Palasttür eintreten. Nö, so etwas gehört sich ja nicht und ist sowieso als völlig sinnlos in diesen Gemütern besetzt.

Die Unzufriedenheit über die eigene Situation muss aber trotzdem irgendwie raus, also darf als Sündenbock der Hartz4-Empfänger mit der gebrauchten Stereoanlage herhalten. Oder auch der Asylbewerber, der in der Öffentlichkeit belegte Brote isst und dem es aufgrund des Belags ja so schlecht gar nicht gehen kann, weil er sonst auf trockenes Brot zurückgreifen müsste. Diese Leute kann man dann beim Amt seiner Wahl verpfeifen und bei der Pfändung des letzten Rests eines etwas anständigeren Lebens besteht sogar die Möglichkeit, diese total gerechte und überfällige Strafe vom eigenen Küchenfenster aus zu beobachten. Dadurch ist die eigene Situation zwar keinen Deut besser geworden, aber dafür gibt es wieder einen Menschen mehr, dem es noch dreckiger als einem selbst geht. Mit ein bisschen Übung lässt sich darüber im urdeutschen Gemüt durchaus so etwas wie Zufriedenheit entwickeln.

Ich kann auch diese Litanei ala „Ich gehe für diese Sozialschmarotzer arbeiten“ nicht mehr hören. Erstens wird niemand dazu gezwungen, ein Hartz4-Status ist definitiv eine der wenigen beruflichen

Angeblich das Erfolgsrezept zum sorgenlosen Leben
Angeblich das Erfolgsrezept zum sorgenlosen Leben

Veränderungen, für die man nicht studieren muss. Diese Karrierechance kann jeder ergreifen, der davon träumt, dafür reicht bereits eine Kündigung. Wenn man davon ausgeht, dass in so einem Leben ständig die Sonne scheint und es nur aus Feiern, Ausschlafen und Einkaufsorgien rund um die Uhr besteht, verstehe ich wirklich nicht, was diese Nörgler vom Einzug in ihr persönliches Paradies abhält.

Der zweite Punkt ist aber noch wichtiger besetzt und entlarvt vor allem endgültig das bescheuert naive Weltbild dieser Kritiker. Natürlich zahlen Arbeitnehmer in die Sozialkassen ein und aus der Perspektive würde ich auch abnicken, dass sie Hartz4-Bedürftige finanzieren. Pro Einzahler werden da aber monatlich Centbeträge fällig, einfach weil der Hartz4-Satz ein schlechter Witz ist und die Leute, die ihn in Anspruch nehmen müssen, entgegen der neunmalklugen Hetzreden eben nicht inflationär aus dem Boden schießen.

Die daraus resultierende Gedankenkette sollte man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen, sofern man ein Freund des zynischen Humors ist und sich auch gerne mal fremdschämt. Das deutsche Durchschnittsschaf finanziert millionenschwere Kriegseinsätze rund um den Erdball, es stopft Milliarden in die unverschämten Bankensanierungsaktionen, die unter ihrem Pseudonym „Rettungspakete“ populär geworden sind, es zahlt ohne mit der Wimper zu zucken die bescheuertsten und absurdesten Subventionen, es lässt sich sogar in Dauerschleife Geldverbrennungsmaschinerien wie Stuttgart 21 oder den Berliner Flughafen aufschwatzen und findet so etwas richtig aufbereitet sogar noch lustig. Die Politiker haben sich erst kürzlich diepolitik Mondgehälter in Eigenregie erhöht, als Verteidigung für diese an sich offene Bürgerkriegserklärung wurde angegeben, dass demnächst diese Selbstbedienung an die Einkommen der Bundesrichter gekoppelt wird, sprich man sich zwar weiter im Halbjahrestakt hemmungslos gesund stossen wird, das aber nicht mehr moralisch verwerflich ist, da der Kreis der skrupellosen Abkassierer minimal ausgeweitet wurde. Das ist alles im kruden Weltbild der braven Spießer united als in Ordnung, da unveränderbar besetzt und wird gefressen.

Aber wehe jemand spricht Otto Normalblödmann beim Stammtisch darauf an, dass sich der arbeitslose Nachbar von den 20 Cent, die sich der selbstlose Wohltäter in einem übergroßzügigen Akt der Nächstenliebe via Arbeitslosenunterstützung vom Mund abgespart hat, statt Mineralwasser einen ganzen Kasten Coca-Cola in der mondänen Cherry-Version gekauft hat. Da hört der Spaß dann ruckzuck auf und es wird „Roter Schmarotzer-Alarm“ in der ganzen maroden Denkflotte ausgelöst.

Aber warum sollte man sich auch über ein bedingungsloses Grundeinkommen unterhalten, das über eine Vermögenssteuer und einen Bundeshaushalt mit Fokus auf soziale Gerechtigkeit fast schon kinderleicht finanziert werden könnte? Wenn man das bei Karl-Heinz im Schrebergarten anspricht, gibt es bestimmt kein Veltins beim nächsten Grillabend, denn so etwas ist doch total unrealistisch. Sonst hätten es die Politiker, also die Leute, die mit am stärksten unter einer Vermögenssteuer und einer sozial fairen Umverteilung leiden würden, doch schon längst umgesetzt.

Nene, da schimpfen wir lieber darüber, dass der ehemalige Arbeitskollege noch immer keinen neuen Job hat und trotzdem kürzlich beim Lachen in der Öffentlichkeit gesehen wurde. Ein deutliches Zeichen dafür, dass es ihm noch viel zu gut geht. Wenn man diesem Schmarotzer endlich mal die Bezüge realistisch anpasst, herrscht im eigenen Geldbeutel zwar noch immer Ebbe, da die Gelder dann eben bei Ressourcenschutzeinsätzen der Bundeswehr am Ende der Welt oder für neue Rollstuhlrampen im Bundesfinanzministerium verbrannt werden, aber wenigstens geht es dann dem verdammten Parasiten schlechter. Da schmeckt das Feierabend-Pils dann gleich wieder etwas besser. Wenn die BILD-Zeitung dann sogar noch hämisch über diesen Fall berichtet, ist die Welt endgültig wieder in Ordnung.

Danach ist man selbstverständlich auch wieder bereit, sich ab Montag in den Ausbeutungsbetrieb seiner Wahl zu stellen und ausbluten zu lassen, damit die Chefetage in Ruhe Entscheidungen fällen und sich die Eier schaukeln kann. Das haben sich diese Leute einfach verdient. O. k., dass die Sache mit dem neuen Auto nur ein schöner Traum bleibt, liegt sicherlich an dem miesen Gehalt, das diese Leute für ihre moderne Form der Sklaverei springen lassen, aber so eng darf man das nicht sehen.

Immerhin werden diese Menschen niemals zu Hartz4-Verbrechern mutieren, da sie eben ein Händchen dafür haben, Pseudo-Leibeigene finanziell gekonnt über den Tisch zu ziehen und damit für sich und ihre Firma maximalen Wohlstand zu erwirtschaften. Das ist ein himmelweiter Unterschied im Vergleich zu den Hartz4-Zecken. Für diese Schmarotzer zahlt man einen monatlichen Betrag in Fliegenschiss-Dimensionen, während man den anderen Schmarotzern tagtäglich den Hintern vergoldet, indem man dankbar und ohne aufzumucken Frondienste für sie verrichtet. Das stellen nur verblendete Fanatiker auf eine Stufe.

Natürlich wählt man auch die nächsten 20 Jahre Mutti Merkel in eine Machtposition, immerhin hat die Frau kürzlich versprochen, allen Deutschen den Zugang zu den Quellen des guten Lebens zu ermöglichen. Das war bestimmt eine verschlüsselte Botschaft dafür, die Herrschaft der Hartz4-Mafia zu brechen und Deutschland endlich aus dem Würgegriff dieser Leute zu entlassen. Richtungsweisende Zeichen wurden da auch schon gesetzt, indem via knallharter Koalitionsarbeit eine Parodie auf den Mindestlohn abgesegnet und der erste Hartz4-Schwerstkriminelle endlich dafür bestraft wurde, dass er bei Ebay frech sein Eigentum verkauft und den sicher daraus resultierenden Neureichenstatus nicht beim Amt gemeldet hat.

Die ganze Chose läuft also prima, deshalb müssen in diesem Land auch keine Barrikaden brennen und niemand muss diese Quellen des guten Lebens mit Gewalt einfordern. Selbst wenn das nur eine Phrase von Angie Großdeutschland gewesen sein sollte, ist das kein Malheur, denn dann kann sich wenigstens die „heute-Show“ darüber lustig machen und man hat endlich wieder einen Grund, entspannt aufzulachen. Und im besten Fall wenigstens für einen Moment zu vergessen, wie sehr man persönlich von arbeitsscheuen Sozialhilfeempfängern terrorisiert und ausgebeutet wird. Ich – hasse – deutsche – Land…

 

Text: Jens Grotartig

 

Weitere Glossen aus der Kolumne „Die groteske Weltanschauung“:

Gehirnflucht auf Germanisch

Rechtsrocker Frei.Wild: Der Soundtrack für Vollidioten

Mulder? Ich bin’s…

Öffentlich-Rechtliches Fernsehen: Gebt der Meute, was sie nicht braucht

Impfgegner: Immun gegen jede Logik

Dem bückenden Volke

Donkey Kong

0.00 avg. rating (0% score) - 0 votes
2 Comments