Die Wahrheit über Feminismus

Emma Watson hielt vor kurzem eine Rede vor der UN über Geschlechtergleichheit und Feminismus. Diese Rede und die gehässigen Reaktionen darauf machen sehr deutlich, wie die westliche Gesellschaft und ein Großteil der Menschen über den Feminismus und über Frauen denkt. Und über Männer.

Dieses Bild stammt von der Website „Women Against Feminism“, also Frauen gegen Feminismus. Diese junge Frau hier hält ein Schild hoch auf dem steht:

Ich brauche keinen Feminismus, weil

– Ich ein erwachsener Mensch bin, der fähig ist, für sich selbst und seine Taten Verantwortung zu übernehmen

– Ich mich selbst definiere und meinen Wert von meinen eigenen Standards ableite. Ich muss nicht „gleichberechtigt“ werden

– Ich bin nicht ein Ziel von Gewalt und es gibt keinen Krieg gegen mich

– Ich respektiere Männer. Ich weigere mich, sie zu dämonisieren und sie für meine Probleme verantwortlich zu machen

 

Ich habe ein Problem mit diesen und ähnlichen Aussagen. Ich habe ein Problem damit, dass „Feministin“ ein Schimpfwort ist. Und ich habe ein Problem damit, dass die Menschen denken, dass es keinen Sexismus mehr in unserer Gesellschaft gäbe und dies lediglich eine Sache von anderen Ländern sei, die in dieser Hinsicht rückständiger sind.

Mein Problem ist, dass diese Menschen Feminismus nicht verstanden haben. Sie halten Feminismus für Männerhass, für „weiblichen Sexismus.“ Sie haben ein falsches, stereotypes Bild von Feministen.

Der Feminismus dekonstruiert zuallererst die Vorstellung, dass die soziale Rolle oder physische oder charakterliche Eigenschaften ausschließlich mit dem biologischen Geschlecht zusammenhängen. Es gibt zwei Geschlechter, die jeder Mensch hat: Das biologische Geschlecht (sex im Englischen) und das soziale Geschlecht (gender). Dass eine Frau Brüste hat, ist eine Aussage über ihr biologisches Geschlecht, aber zu sagen, was es ist feminin zu sein, also zum Beispiel gefühlsbetont, abhängig oder ähnliches konstruiert eine soziale Rolle, die nichts mit der biologischen Natur gemein hat. Gender hat nichts damit zu tun wie Männer und Frauen wirklich sind, sondern wie eine bestimmte Kultur diese wahrnimmt. Das gleiche gilt natürlich auch für Maskulinität, die mit Stärke, Rationalität und Selbstbewusstsein assoziert wird. Das sieht man deutlich bei Homosexualität, bei welcher Männlichkeit und Maskulinität getrennt sind: Homosexuelle Männer sind zwar männlich, aber sie werden in unserer Gesellschaft als feminin dargestellt, das heißt: nicht maskulin.

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Sie ist zu männlich und sie ist zu weiblich

Wie so oft wird auch in der Genderunterteilung eine falsche, vereinfachendere binäre Opposition erstellt. Also ein Schwarz/Weiß-Denken. Maskulin ist stark, bestimmend, rational und letztendlich gut und positiv. Und feminin ist einfach nur alles, was nicht in diese Kategorie fällt und damit das Gegenteil davon, schlecht und negativ. Doch selbstverständlich ist die Welt nicht so einfach und nur schwarz und weiß. Deswegen haben viele Menschen ein Problem mit Homosexuellen oder Transgenderpersonen, weil sie nicht in dieses duale Denken hineinpassen. Doch wenn man genau hinsieht, fällt einem auf, dass egal ob homosexuell oder sonst irgendwie LSBTTIQ: Sie werden alle feminin wahrgenommen. Einfach weil sie nicht maskulin sind, müssen sie feminin sein.

Dass das zum Problem für eine Gesellschaft wird, zeigt sich nicht erst in den Schubladen, in die Menschen hineingezwungen werden. Sondern es bemächtigt die eine Gruppe über die andere. Wenn „die Männer“ rational, bestimmend, stark und gut sind, dann müssen sie herrschen, dann müssen sie das Sagen haben, eine Person, die irrational, flatterhaft und schwach ist, eignet sich logischerweise nicht dazu. Und wenn eine ganze Hälfte der Bevölkerung als solches betrachtet wird, wird sie kategorisch benachteiligt und bevormundet.

Der Feminismus setzt genau hier an und versucht durch ein Durchbrechen dieser sozialen Rollen wieder ein Gleichgewicht in den Geschlechterrelationen herzustellen und jeden das sein zu lassen, was er sein möchte.

Menschen wie die eingangs gezeigte Frau würden argumentieren, dass Frauen bei uns nicht unterdrückt sind. Sie dürfen wählen, arbeiten und sind gleichberechtigt. Das stimmt. Vor dem Gesetz wurde eine Gleichberechtigung zugesichert. Doch was der Feminismus heute bei uns bekämpft sind keine Gesetze, sondern das Denken und daraus folgernd das Handeln der Menschen in Geschlechterklischees. Wenn die Gesellschaft, einschließlich der Frauen alle weiblichen Personen für nicht verantwortungsbewusst hält, wird ihnen niemand Verantwortung geben. Und eine Frau, die dies trotzdem möchte, wird ausgelacht und übergangen. Solche Einstellungen haben reale Konsequenzen für Menschen und können Karrieren und Träume zerstören. Feminismus gibt nicht Männern an diesen Dingen die Schuld. Feminismus sagt nicht, dass Frauen die besseren Männer wären. Das wäre absurd, denn dann würden doch nur weiter die sozialen Geschlechter voneinander getrennt werden, würden wieder neue, nur diesmal anders besetzte Gegensätze entstehen. Wer sagt, dass Männer triebgesteuerte Lustmolche sind, hat den Feminismus nicht verstanden.

 

Unter Sexismus leiden nicht nur Frauen

 

Dabei hat unsere Gesellschaft noch einen weiten Weg zu gehen. Es geht nicht direkt um Einkommensunterschiede, Social Freezing oder Frauenquoten. Dies sind lediglich Symptome von den Rasenth 3Vorurteilen, die die Geschlechter voneinander haben. Die Frau ist die unmoralische Verführerin, das süße, aber hilflose Kind, der selbstlose Engel, etc. Die Frau ist entweder die Hure oder die Heilige. Doch was, wenn eine Frau einfach nur sie selbst sein will? Wenn sie sich zu prüde anzieht, wird sie ausgelacht, weil sie nicht das Sexobjekt ist, dass sie sein soll. Zieht sie sich sexy an, wird sie als solches degradiert und sollte sich nicht wundern, „wenn sie sexuell bedrängt wird“. Wenn ein Mann sexuell belästigt wird, fragt auch niemand, was er getragen hat. Jedes Mal, wenn man eine Frau auf eine Art behandelt oder beurteilt, die man bei einem Mann in der gleichen Situation nicht anwenden würde, ist dies Sexismus und unterminiert die Bestrebungen zu einer gleichberechtigten Gesellschaft. Wer sagt, er brauche keinen Feminismus, braucht den Feminismus erst Recht!

Der deviantArt User Rasenth aus Japan zeichnete kürzlich ein paar kleine Skizzen, warum Feminismus heute noch notwendig ist. Rasenth Feminismus geht uns alle an, auch gerade Männer, wenn sie denken, dass sei „ein Problem von Frauen“. Um es in Rasenths Worten aus dem rechtsstehenden Comic zu sagen: „Wir denken, Jungs mit mädchenhaften Interessen haben sich zu schämen. Wir denken Männer, die sich wie Frauen anziehen sind Witzfiguren. Wir denken, Männer, die von Frauen verletzt werden, sind erbärmlich.“  Männer haben genauso unter den Erwartungen an ihre Rolle zu leiden wie Frauen. Ein Mann möchte auch nicht immer stark und unabhängig sein, möchte auch einmal verletztlich sein oder im Arm gehalten werden. Ein Mann möchte auch einmal weinen dürfen.

Jeder sollte sich zum Feminismus bekennen. Auch Männer. Vor allem Männer. Lisa Kemmerer, eine Feministin und Philosophin aus den USA, die ich persönlich kennen gelernt habe, sagte zu mir:

Als Mann bist du bevorteilt, ob du willst oder nicht. Du wirst bevorzugt, man hört dir eher zu. Man bezahlt dich automatisch besser. Du hast eine Stimme, die viele Frauen nicht haben. Nutze sie, um darauf hinzuweisen.

Frauen können sich nicht nur von selbst emanzipieren. Das ist nicht ihre alleinige Verantwortung. Solange Männer gerade in Machtpositionen ihre Vorrangstellung ausnutzen, wird sich nichts ändern. Das macht Männer nicht zum Feindbild, nimmt uns nur in die Verantwortung. Wir sind alle in der Verantwortung, gegen unsere Vorurteile und Gegen Unterdrückung jeder Form vorzugehen.

 

Solange, bis es keine Doppelmoral mehr im Umgang zwischen Männern und Frauen gibt. Solange bis es keine Unterdrückung mehr gibt.

 

Solange brauchen wir Feminismus.

 

– Thomas Laschyk

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