Wo die FIFA foult

 

Bevor ich überhaupt anfange zu schreiben, möchte ich eines einmal klar stellen: Ich mag Fußball. Ich verfolge die Bundesligatabelle mit, schaue mir das Championsleaguefinale an (sofern nicht Madrid gegen Madrid spielt) und ich gucke sehr gerne die Quali- und Freundschaftsspiele der Deutschen Mannschaft. Und ich liebe es, WM und EM zu sehen. Was für eine Stimmung! Herzklopfen vor und während des Spiels, mit fiebern, feiern! Da könnte ich fast nicht genug davon haben, das sind Emotionen! So hat es 2006 im Sommermärchen angefangen, ging über das Finale 2008 und ganz besonders wieder unter Vuvuzelagedröhne in Südafrika war es wieder da. 2010 habe ich mir sogar fast jedes Spiel angeschaut, das man so anschauen konnte.

Heute beginnt die WM in Brasilien und kaum, dass ich aufgewacht war, lese ich, dass das Flughafenpersonal in Rio streikt und mehr Lohn verlangt. Gestern erst hörte ich von neuen Korruptionsvorwürfen gegen die FIFA, von noch mehr Sklaven und Toten, noch mehr Schmiergeld (man nennt es „Entwicklungshilfe“) in Katar. Es fahren Panzer durch Rio, keine Karnevalsumzüge.

 

„Der Fußball dient auf obszöne Weise dem Kommerz“ (Sabine Rückert)

 

Brasilien

Die FIFA ist ein korrupter Haufen alter Herren, das muss man einmal so deutlich sagen. Man muss Fußball nicht verabscheuen, um das feststellen zu können. Die FIFA und Fußball sind nicht ein- und dasselbe. Wieso es sich die FIFA zur Gewohnheit gemacht hat, WM-Standorte an arme Schwellenländer (Südafrika, Brasilien) oder korrupte autoritäre Regime (Russland, Katar) zu vergeben, lässt sich erahnen. Dort muss man nicht unbedingt auf alle lästigen Umwelt- und Arbeitsstandards achten. Wenn schon nicht Brasilien, dann muss Katar zum Fallstrick für Blatter und Konsorten werden, denn gekaufte Austragungsorte und ganz besonders Sklavenarbeit und Tote dürfen nicht toleriert werden. Also heißt es: Entweder verliert Katar die WM oder die FIFA die Zuschauer.

Doch noch sind wir nicht in Katar. Wir sind in Rio. In Brasilia. Und in Manaus. In Manaus, in einem riesigen Stadion mitten im Urwald. Genau: Regenwaldabholzung. Außerdem ist Manaus eine Stadt, in der der höchstklassigste Verein in der Dritten Liga spielt. In einem Schwellenland. Man kann sich vorstellen, dass dieses Stadion nach der WM nie wieder auch nur annähernd voll wird.

Vielleicht hat es inzwischen auch jeder auch noch so abgeschottete Fußballfan mitgekriegt: Die Brasilianer, weltbekannt als große Partylöwen, sind wieder auf der Straße. Aber diesmal nicht um zu tanzen, sondern um zu protestieren. Die FIFA präsentiert sich als Weltverbesserer. Für Fairness, Frieden und Integrität werden Menschen zwangsumgesiedelt, der Regenwald abgeholzt, Favelas geräumt und Geld für riesige Stadien ausgegeben, die niemand braucht. Dabei hat das Land ernsthafte wirtschaftliche und soziale Probleme, die es mit dem Geld hätte bekämpfen können. Über 8 Milliarden Dollar lässt sich Brasilien die WM kosten. Das Stadion in São Paulo allein kostete über eine halbe Milliarde Dollar. Und 700.000 Familien leben in extremer Armut in Brasilien. Wer sich zu Recht darüber aufregt und sich fragt, wie ich auf jeden Fall verhindere, für so etwas zu bezahlen: Das haben wir bereits alle. Wir haben alle bereits mit mehreren hundert Millionen Euro den ganzen Mist in Brasilien, aber auch Katar und Russland über die GEZ bezahlt und in Auftrag gegeben. Denn die ARD und das ZDF haben schnell bei den TV-Rechten zugegriffen. Solange die Fernsehsender nur an hohe Einschaltquoten denken, ohne daran ethische Bedingungen zu knüpfen, wird sich das auch nicht ändern.

 

Von Quoten und Sponsoren

 

Nun, was kann ich tun? Die Spiele nicht anzusehen ist natürlich eine Option. Den Sendern die Quoten zu vermiesen, für die sie so viel Geld und die Ausgebeuteten so viel Blut zahlen mussten würde wirken. Doch die Brasilien2Übertragung ist leider bereits bezahlt. Deshalb ist vielleicht eine Faustregel viel wichtiger: Nie gedankenlos (Fußball) konsumieren! Boykottiert die Sponsoren der FIFA (Getränkehersteller, Sportkleidungshersteller, Autohersteller) und schreibt/sagt aktiv eure Meinung! Schreibt die öffentlich-rechtlichen Sender an, schreibt den DFB an, schreibt die FIFA an und beschwert euch! Unterschreibt Petitionen und macht eure Stimme hörbar. Und ganz wichtig: Redet immer darüber, sodass sich ja niemand vom Fußballwahn betäuben lässt. Ich will euch nicht den Spaß an der WM kaputt machen. Nein, das hat die FIFA gemacht. Sie will nicht, dass ihr euch ein Spiel anschaut. Sie will, dass ihr Werbeflächen betrachtet, die immer schön im Bild sind und euch Werbespots anseht, die in der Halbzeitpause laufen. Und dass ihr nicht das Blut, welches hinter dem billigen Geld liegt, bemerkt.

Wir sind keine Fans von der FIFA. Wir sind keine Fans von den ganzen Sponsoren, zähle man die Marken, die jeder kennt, einmal auf. Und wir sind erst recht keine Fans von Menschenrechtsverletzungen. Sondern Fans vom Fußball, ohne die ganze ausbeuterische Kommerzmaschinerie drum herum!

 

– Text: Thomas Laschyk

 

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