Das Rad als Waffe: Die kritischen Massen

 

Am Freitag forderten wieder einmal die Fahrradfahrer ihren Platz an der Spitze der Nahrungskette im Verkehr der Stadt Augsburg ein. Sie haben es satt, als Verkehrsteilnehmer zweiter Klasse behandelt zu werden. Sie wehren sich gegen die Hegemonie der Autos, welche groß, gefährlich und umweltschädlich sind. Am Rathausplatz trafen sich mehrere dutzend Velophile nicht, um vom Verkehr an den Fahrbandrand  gedrängt zu werden – sondern um ihn grundlegend zu verändern.

 

Gemeinsam sind sie stark – Die kritische Masse

 

Critical Mass

 

Der Ursprung der „Critical Mass“ liegt im Blick nach China. Dort gibt es teilweise Kreuzungen ohne Ampeln, an welchen ein deutscher Straßenpolizist einen Herzinfarkt erleiden würde, würde er sie zu Gesicht bekommen. Damit kleinere Verkehrsteilnehmer unbeschadet voran kommen können, sammeln sie sich zunächst zu größeren Trauben und können so gemeinsam die Kreuzung überqueren, sobald sie eine „kritische Masse“ erreicht haben. In Deutschland dürfen sich nach § 27 Abs. 1 Satz 2 StVO Fahrradfahrer ab 16 Teilnehmer zu einem sog. „geschlossenen Verbund“ zusammenschließen und eine komplette Spur belegen. Dann haben ausnahmsweise mal Pkws das Nachsehen. Inzwischen gibt es die Critical Masses weltweit und in vielen deutschen Großstädten. In Augsburg enstand die Critical Mass ca. 2008/2009 aus einer Initiative von NoYa, dem globalisierungskritischen Jugendnetzwerk von Attac. Seither wird die Critical Mass, oder auch kurz CM, von wechselnden Gruppen betreut. Doch egal wie es organisiert ist, jeden Monat steigen die Leute auf ihre Drahtesel und protestieren.

 

Klingeln gegen Hupen

 

Einen gemeinsamen Nenner haben alle CM-Teilnehmer: Sie wollen sicher durch die Stadt radeln. In der Gruppe sind sie stark, sie kommen unbeschadet durch die Innenstadt. Sie werden von den Autos geachtet, auch im tiefsten CM 2Berufsverkehr. Es entsteht ein Gemeinschaftsgefühl und somit ermöglicht die CM ein friedliches und unkompliziertes Statement für die „saubere, leise und sichere Fortbewegungsart Fahrrad, die mehr Raum und Rücksicht im Straßenverkehr verdient hat“, so ein Betreuer des Radprotests. Die neutrale Klimabilanz des Fahrrads im Gegensatz zum Auto, sowie die Vorteile für Gesundheit und Sicherheit müssen ja nicht extra erwähnt werden. Deshalb hat auch die Stadt Augsburg ein Interesse daran, das Rad in der Innenstadt attraktiver zu machen. Im Rahmen der Kampagne „Fahrradstadt 2020“ soll nach der Vorstellung des Beraters Dr. Kaulen die CM eine größere Rolle spielen. Für die bayerische Klimawoche und das Programm zum Friedensfest Augsburg gab es auch bereits besonders „gelabelte“ Fahrten. Das Interesse der Stadt Augsburg hat die Critical Mass bereits. Nun muss die Critical Mass auch ins Rollen kommen.

 

International im Pedal

 

Es etabliert sich ein überregionales Netz der Critical Mass Rides. Es wird getragen von den überall wachsenden Teilnehmenzahlen und unterstützt von positiv berichtenden Artikeln Cm 2zum Beispiel in der TAZ oder der Zeit. Auf der ganzen Welt wird für den Protest in die Pedale getreten: In Budapest oder in der Fahrradstadt Portland. Teilweise hat die Bewegung auch wieder an Fahrt verloren, weil sich keine politischen Veränderungen bewirken ließen. Die Augsburger Radprotestler wollen jedoch wachsen. Sie wollen gesehen werden, sie wollen Veränderung. Sie wollen auch, dass die Fahrradstadt 2020 keine leere Versprechung bleibt, wenn es auch keine offizielle gemeinsame Forderung an die Stadt Augsburg gibt. Ein erster Schritt ist, mehr Teilnehmer zu gewinnen, welche einfach mitfahren. Es sollen sich immer mehr Menschen anschließen. Wer Interesse hat, soll einfach kommen oder auf andere Weise die Critical Mass unterstützen. Denn die Fahrradstadtrundfahrt dient nicht nur als politisches Zeichen. Nebenbei findet man hier Kontakte mit anderen netten Fahrradfreunden und kann die fröhliche Stimmung beim gemeinsamen Radeln genießen.

 

Falls man noch mehr Info’s haben möchte, kann man sich das kleine Critical Mass 1×1, wie man sich verhalten soll, ansehen, und ansonsten einfach an jedem letzten Freitag im Monat um 18 Uhr am Rathausplatz mitsamt Fahrrad eintreffen.

 

– Text: Thomas Laschyk, Fotos: Wolfgang Speer

 

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