Brauchen wir neue (Sau-)Ställe?

 

Brauchen wir neue (Sau-)Ställe?

 

Am 10. Mai fand in Donauwörth eine große Demonstration gegen Massentierhaltung allgemein und gegen den Neubau von Mastställen im Besonderen statt. Circa 500 Menschen, welche als Einzelpersonen oder in Vereinen oder Parteien organisiert waren, nahmen an der Demo teil und verurteilten die Praktiken der Intensivtierhaltung. Initiiert wurde die bereits zweite Demonstration in Donauwörth von dem Bündnis „Stoppt den Saustall“.Mastanlagen8 „Wir wollen als Bürger aus Nordschwaben deutlich machen, dass wir uns gegen industrielle Massentierhaltung zur Wehr setzen“, sagt Ursula Kneißl-Eder, eine Sprecherin des Bündnisses. Hintergrund sind immer neue Pläne von großen Fleischproduzenten wie der PHW-Gruppe, Straathof und anderen, neue Mastanlagen zu errichten oder bestehende zu vergrößern, um die Fleischproduktion immer weiter zu erhöhen. Auf Anfragen der Landratsämter liegen auch hier im Umkreis Augsburgs Anträge auf 11 Erweiterungen bzw. Neubauten von Ställen im Kreis Augsburg vor. In Günzburg beispielsweise sind es zur Zeit 6, in Dillingen 3, darunter auch ein Maststall in Ziertheim für 40.000 Masthänchen, und in Schrobenhausen sogar 24. Das Aktionsbündnis listet auf ihrer Homepage einige besondere Bauvorhaben auf, in welchen es um Neubauten für Mastanlagen für jeweils mehrere Zehntausend Tiere geht und gegen welche sie sich einsetzen.

Der homogene Verbund an Organisationen, welche sich alle für den Protest gegen die Intensivtierhaltung zusammengeschlossen haben, zeigt die vielen Gründe gegen diese industrielle Praxis, die deutschlandweit 98% aller Fleischproduktion ausmacht.

 

Mastanlagen: Fluch für die Anwohner

 

Ein Redner auf der Demonstration war Dr. Schuster, ein Anwohner, der sich als direkt Betroffener auch gegen solche Bauten einsetzt. Die Sorgen der umliegenden Bevölkerung sind vielfältig. Sie fürchten einmal die hohe Keimentwicklung, dann die Bildung von multiresistenten Keimen durch den übermäßigen, großflächigen Einsatz von Antibiotika. Außerdem SONY DSCein Verseuchen des Grund- und Trinkwassers durch Antibiotika aufgrund des hohen Durchlaufs in den Mastanlagen und der Gülleinbringung. Doch nicht nur die Wasser-, auch die Luft- und Lärmverschmutzung wird durch die Gülle und die Tiertransporte kritisiert. Dies führt auch zu einem Wertverlust der umliegenden Grundstücke. Auch veterinärmedizinische Betreuung kann in solchen Zahlen auf keinen Fall ausreichend geleistet werden, da die Veterinärämter die bestehenden Aufgaben nicht schultern und nur sporadisch kontrollieren können. Im Falle des Reichertweiler Hofs wurde ebenfalls noch die Evakuierungsmöglichkeiten im Brandfalle in Zweifel gestellt, welche sich wohl kaum nach der Bauverordnung realisieren lassen können.

Auch die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft und das landesweites Netzwerk Bauernhöfe statt Agrarfabriken haben eigene Gründe, Stallungen mit gigantischen Besatzdichten zu kritisieren. Wie jede industrielle Massenproduktion zerstört sie Klein- und Familienbetriebe, welche dem Kapital und dem Preis der Großindustriellen nichts entgegensetzen können und aus dem Wettbewerb gedrängt werden.

 

Tierhaltung ist Klimakiller Nr. 1

 

Neben Karl Heinz Bablok, einem Imker, welcher Bedenken gegen genmanipuliertes Futtermittel äußerte, sprach auch Karl Bär vom Umweltinstitut München. Die großen Negativfolgen der Massentierhaltung, vor allem der bereits bestehenden Betriebe für die Umwelt sind verheerend. Direkte Umweltverschmutzung resultiert wie bereits geschildert SONY DSCdurch die Gülle, welche Rückstände von Antibiotika, Impfstoffen und Hormonen sowie antibiotikaresistente MRSA-Keime aufweist und ins Grundwasser gelangt. Aber auch für den Klimawandel hat die Fleischproduktion fatale Folgen: 18% und damit den größten Anteil am weltweiten CO2-Ausstoß hat die Tierhaltung, mehr als der gesamte Verkehr des Planeten. Zwei Drittel aller landwirtschaftlich nutzbaren Flächen werden für Tierfutter verwendet (Quelle: Fleischatlas 2013). Laut Greenpeace gehen insgesamt 80 Prozent des Regenwaldverlustes im Amazonasgebiet auf das Konto der Tierhaltung, da der Regenwald für das Mastfutter der in Europa gezüchteten Tiere gefällt wird. Zur Zerstörung der Umwelt kommt also noch Zerstörung der Biodiversität, Ressourcenverschwendung und Verursachung des Welthungers. Heidi Terpoorten, ebenfalls eine Sprecherin des Aktionsbündnisses, fordert deshalb: „Wir wollen ökologisch nachhaltige bodengebundene Landwirtschaft, die so viel erwirtschaftet, wie wir in der Region wirklich benötigen, ohne die Umwelt maßgeblich negativ zu beeinflussen.“

 

„Wir sind keine Bananenrepublik, wir sind eine Fleischrepublik!“

 

Selbstverständlich sprechen sich auch Tierschützer und -rechtler gegen den Bau von weiteren Mastanlagen aus. So nahmen Tierschützer wie der Bund Naturschutz oder der SONY DSCDeutsche Tierschutzbund, aber auch Tierrechtsorganisationen wie die Tierrechtsinitiative Augsburg oder Soko Tierschutz an der Demonstration teil. Sie kritisieren die Haltungsformen der Massentierhaltung allgemein, welche zu viele Tiere auf engstem Raum unter widrigsten Bedingungen hält und systematisch tötet. Denise Slapansky, eine Sprecherin der Tierrechtsinitiative Augsburg erklärt: „Wir demonstrieren auch gegen ein System. Ein System, das Tiere als fühlende Lebenwesen in ein gnadenloses Dasein zwingt. Straathof und Co sind nur Nutznieser dieses Systems, dass uns von Kindheit vermittelt wird: Das System der Ausbeutung.“ Zu bestehenden Tierschutzgesetzen sagt sie: „Erweiterte Bedingungen, Verbesserungen – Klingt alles gut. Aber bereits der bestehende Tierschutz wird nicht angewandt!“ Dass tatsächlich systematisch mit den Tierschutzgesetzen gebrochen wird, belegt der ebenfalls aus Augsburg stammende Verein Soko Tierschutz. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht „über die gut geschützten Fassaden“ der Mastanlagen und „hinter die Kulissen dieser Industrie“ zu blicken, so Soko-Sprecher Friedrich Mülln. Soko-Beobachter nutzen Videobeweise aus bereits bestehenden Ställen und Aussagen von Whistleblowern, um die gängigen Praktiken der Massentierhalter publik zu machen. Aktuell ist die vom Verein aufgedeckte Tierquälerei bei Hubers Landhendl, welches bei Spiegel TV berichtet wurde. Sie bezeugen, dass „willfährige Behörden“ stets durch „massive Untätigkeit“ zur Einhaltung der Tierschutzgesetze hervor tun. Stellenweise sitzen die Mäster selbst in den Kontrollorganen der Landratsämter, wie es in Dillingen der Fall ist. Deshalb kritisierte Mülln auch Organisationen wie den Deutschen Tierschutzbund, da diese mit den Massentierhaltern zusammen arbeiten und ihnen Zertifikate verkaufen. Sie vergaben auch Zertifikate an Betriebe, bei welchen die Tierquälereien bekannt wurden, wie Hubers Landhendl.

Ebenfalls nahmen an der Demonstration Vertreter der Parteien ÖDP, die Grüne, Tierschutzpartei und die Linke teil und sprachen sich gegen die industrielle Massentierhaltung aus.

Ein Ziel der Demo war es, ein verändertes Verhalten bei den Verbrauchern zu bewirken, den Fleischkonsum stark zu reduzieren oder ganz einzustellen, um so den Neubau von Mastanlagen obsolet zu machen und die bereits bestehenden ebenfalls zu boykottieren. Aus diesem Grund war das Catering der Demonstrierenden vegan, ebenso wie Jamie Lou, eine Band aus vier Jugendlichen, die bei der Kundgebung auftrat.

 

Brauchen wir neue Mastanlagen? Die 500 Demonstraten geben mit ihren vielen Argumenten ein entschiedenes Nein.

 

Text: Thomas Laschyk, Bilder: Volksverpetzer

 

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